Kultur : Was ist das kleine Glück, Herr Adamo?

Herr Adamo[vor über dreißig Jahren hab]

Adamo, 58, heißt mit Vornamen Salvatore und ist einer der erfolgreichsten Chansonsänger der Welt. In Sizilien geboren, kam er als Dreijähriger mit seinen Eltern nach Belgien, wo er aufwuchs. Adamo begann Mathematik zu studieren und nahm bereits 1962 seine erste Schallplatte auf. Mit samtweicher Stimme und Schlagern wie "Es geht eine Träne auf Reisen" oder "Komm in mein Boot" gewann er spätestens ab 1967 auch die Herzen des deutschsprachigen Publikums. Sein letztes Konzert in Deutschland liegt allerdings über 15 Jahre zurück. Am Mittwoch tritt Adamo im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf.

Herr Adamo, vor über dreißig Jahren haben Sie gesungen: "Meine Kleine, eins bringt mich fast um / Ich finde dieses Lied, das eine / Das du gern singst / Ein bisschen dumm." Muss ein Schlagersänger klüger sein als die Lieder, die er singt?

Das ist Ironie. Man kann den Naiven spielen, ohne naiv zu sein. Eines von meinen Problemen in Deutschland ist das Bild, das die Menschen von mir haben. Sie unterscheiden immer noch Schlager und Chanson. Ich wüsste aber nicht mehr, in welche Kategorie meine Lieder passen. Deshalb bin ich seit den achtziger Jahren kaum noch in Deutschland aufgetreten. Aber ich stehe auch zu den albernsten Zeilen, die ich mal gesungen habe. Ein Lied, das die Leute auf der Straße pfeifen, darf unernst sein. Das ist eine Aufgabe von Musik: Die Menschen fröhlich zu machen, ihnen zum Träumen zu verhelfen.

Das Lied, aus dem die Zeilen stammen, heißt "Ein kleines Glück". Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: War sie ein kleines oder ein großes Glück?

Ein großes Glück. Das Leben hat mir das schönste Geschenk gemacht: Ich kann die Musik spielen, die ich mag, und viele Leute hören mir zu. Das ist ein großes Privileg, dessen bin ich mir bewusst. Deshalb versuhe ich, etwas von meinem Glück weiterzugeben an andere Menschen. Seit 1993 arbeitete ich als Botschafter für die Unicef. Während des Kosovo-Krieges habe ich eine Kampagne gestartet und Spielzeug gesammelt. Wir haben 15 000 Tonnen Spielzeug gesammelt, und ich bin dann in den Kosovo gefahren und habe bei der Verteilung geholfen. Als ganz normaler Unicef-Mitarbeiter, der Hilfsgüter mitbringt, bin ich für die Leute hundertmal nützlicher als als Sänger. Weihnachten will ich in Tadschikistan sein.

Sie sind in Sizilien geboren und als Dreijähriger nach Belgien gekommen, wo Ihr Vater Arbeit als Bergmann gefunden hatte. Erinnern Sie sich noch an Ihre Kindheit in Italien?

Dunkel erinnere ich mich an die Wärme und an das Licht. Vor einem Monat ist in Belgien mein erster Roman erschienen. In "Le souvenir du bonheur est encore du bonheur" (Die Erinnerung an das Glück ist immer noch Glück) erzähle ich die Geschichte meiner Kindheit. Wir haben in Holzbaracken gelebt, es war sehr ärmlich, aber meine Eltern haben diese Ärmlichkeit vor uns verborgen. 1996 wurde in Belgien der 50. Jahrestag der ersten Einwanderungswelle italienischer Gastarbeiter begangen. Dokumente tauchten auf, aus denen hervorging, dass diese Arbeiter wie Vieh verkauft worden waren. Für jeden Arbeiter, den Italien nach Belgien schickte, bekam es eine Tonne Kohl. So mit Menschen umzugehen, war abgrundtief zynisch.

Und es war eine harte Kindheit?

Im Nachhinein weiß ich, dass wir outcasts waren, am Rande der Gesellschaft standen. Aber ich habe meine Kindheit trotzdem als sehr glücklich empfunden. Für meine Eltern war es härter. Mein Vater war 27, meine Mutter 26, und sie kamen aus der Sonne Siziliens in den nordischen Winter. In der Schule wurden wir Italiener als "Makkaronis" beschimpft. Wir wussten uns zu wehren und nannten die Belgier "Kartoffeln".

Ihre erste Gitarre bekamen Sie von Ihrem Großvater geschenkt. War die Musik für Sie eine Fluchtmöglichkeit?

Bei uns zuhause lief immer Musik. Mein Vater liebte Opern, war aber auch ein großer Freund neapolitanischer Volkslieder. Wir hatten oft kein Geld, um Fleisch zu essen, aber wir hatten immer unsere italienische Musik. So habe ich sehr früh angefangen zu singen, ohne Ambitionen, einfach nur, weil es gut war, zu singen. Als ich dann mit 14 die Gitarre geschenkt bekam, war es trotzdem eine große Überraschung. Heute glaube ich, dass mein Vater meinem Großvater einen Brief geschrieben und darin von meiner Singerei berichtet hatte. Jedenfalls kam dann ein Onkel aus Sizilien und brachte diese Gitarre mit. Vorher hatte ich schon Gedichte auf französisch geschrieben. Als ich die Gitarre bekam, fing ich an, dazu die Musik zu schreiben. In Mons, wo ich Mathematik studierte, habe ich dann einen Chansonwettbewerb gewonnen. So begann meine Karriere.

1966 hatten Sie schon 12 Millionen Schallplatten verkauft, ein Viertel aller verkauften Platten in Frankreich waren Adamo-Chansons. Von Drogenexzessen oder amourösen Affären aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Ihnen fiel es leicht, auf dem Boden zu bleiben.

Nein. Ich hatte das Glück, dass sich mein Vater als Manager um mich kümmerte. Er hat dafür gesorgt, dass ich nicht größenwahnsinnig wurde. Leider ist er 1966 ertrunken, als er bei einem Besuch in Sizilien ein Kind aus dem Meer retten wollte. Das Jahr 1966 war der kommerzielle Höhepunkt für mich: Ich lag ich umsatzmäßig weltweit hinter den Beatles auf Platz 2. Kurz danach habe ich die Beatles dann auch kennen gelernt. Ich habe ein Album im Studio B an der Abbey Road aufgenommen, die Beatles waren in Studio A. George Martin lud mich ein, seinen Schützlingen die Hand zu schütteln. Als ich das Studio A betrat, dröhnte die Marseillaise aus den Lautsprechern. Ich dachte: Supernett, die Beatles meinen, ich wäre Franzose, deshalb spielen sie für mich die Nationalhymne. Sechs Monate später kam "All You Need Is Love" heraus.

In Deutschland ist es still um Sie geworden. Ihre letzte Tour fand 1984 statt. Wo waren Sie in den Jahren danach?

Vor allem in Frankreich. Ich war jahrelang in der ganzen Welt unterwegs gewesen und hatte das Gefühl, Frankreich vernachlässigt zu haben. Ich habe dann sehr viele Konzerte dort gegeben, allein im Pariser "Olympia" bin ich sechs Mal aufgetreten. Andererseits wusste ich auch immer weniger, welche Art Musik die Deutschen von mir erwarteten. Ich wollte anspruchsvolle Texte singen, damit war meine deutsche Plattenfirma nicht einverstanden, die haben geglaubt, ich sei übergeschnappt. Aber jetzt habe ich ein neues Label gefunden. Im Frühling wird ein neues Album mit deutschen Titeln erscheinen: Zehn alte Lieder neu interpretiert und zehn ganz neue Stücke.

Der Tagesspiegel schrieb 1967 nach Ihrem Auftritt in der Philharmonie: "Man war selig mitten im knallharten Krach. Die Lautsprecher leisteten das Äußerste. Dann sind die Fans nicht mehr zu halten, sie stürmen die Bühne, die Invasion der Schmetterlinge rollt ab, die bunten Hosen- und Minikleid-Mädchen fallen über den Favoriten her." Werden Sie jetzt bei Ihrem Konzert in Berlin wieder so gefeiert werden?

Das Philharmonie-Konzert gehört zu meinen schönsten Erinnerungen. "Inch Allah" war ganz neu, in der letzten Strophe geht es um den Holocaust. Deshalb hatte man mir geraten, "Inch Allah" in Berlin nicht zu singen. Ich habe im letzten Moment entschieden, es trotzdem zu singen. Für das Lied habe ich dann den längsten Applaus meiner ganzen Laufbahn bekommen. Zehn Minuten Standing Ovations. Seit dem Mauerfall bin ich nicht mehr in Berlin gewesen. Ich nehme an, dass nun Besucher aus Ost und West zusammenkommen werden. Keine Ahnung, wie sie reagieren. Aber ich freue mich auf dieses Wiedersehen.

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