Kultur : Was ist das Neue an der Neuen Musik, Frau Hoffmann?

Heike Hoffmann, Musikvermittlerin, konzipiert seit 1987 das Programm der Musik-Biennale, Berlins "Fest für Zeitgenössische Musik".1958 in Wismar geboren, arbeitete sie nach dem Theaterwissenschafts- und Kulturwissenschafts-Studium an der Humboldt-Universität zunächst bei Konzertagenturen, bevor sie als Dramaturgin zum Komponistenverband der DDR wechselte.Als die Biennale 1990 organisatorisch in die Berliner Festspiele GmbH eingegliedert wurde, übernahm Heike Hoffmann die Leitung des Festivals.Seit 1994 ist sie zudem künstlerische Direktorin des Konzerthauses am Gendarmenmarkt.Über die 17.Musik-Biennale, die am Freitag vom Berliner Philharmonischen Orchester eröffnet wird und bis zum 21.März 22 Konzerte bietet, sprachen Volker Straebel und Frederik Hanssen mit Heike Hoffmann.

TAGESSPIEGEL: Frau Hoffmann, seit 1993 versucht die Musik-Biennale den schwierigen Spagat zwischen Uraufführungen und Rückschau auf die jüngere Musikgeschichte.Warum konzentrieren Sie sich nicht wie andere Festivals ganz auf neue Werke?

HOFFMANN: Als wir uns nach der Wende in einer Stadt wiederfanden, die zwar vereinigt war, in der es aber zwei ganz unterschiedliche Publika gab, die vierzig Jahre wenig von der Entwicklung der Neuen Musik im jeweils anderen Teil wahrgenommen hatten, wollten wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.Wir hatten es mit einer Menge von Vorurteilen auf beiden Seiten zu tun.Also haben wir nach Möglichkeiten gesucht, wie man sich gegenseitig bekanntmachen kann.Diese vier Jahrgänge der Retrospektive in Dekaden-Abschnitten waren sehr spannend und wichtig für die Stadt.Ich denke nicht, daß es dazu führen wird, daß nun DDR-Komponisten massenweise aufs Programm gesetzt werden, aber es hat ein Kennenlernen stattgefunden, bestimmte Entwickungen sind verständlicher geworden.

TAGESSPIEGEL: Zehn Jahre nach der Maueröffnung findet jetzt der Rückblick seinen Abschluß mit den achtziger Jahren.Waren in diesem Jahrzehnt die Unterschiede zwischen Ost und West wirklich noch so gewaltig?

HOFFMANN: Ich denke, in gewissen Momenten wird man den Unterschied noch festmachen können, obwohl die Szene in beiden Teilen des Landes schon sehr diversifiziert war in den achtziger Jahren.Sicher war die elektronische Musik schon aufgrund der technischen Voraussetzungen in der DDR weniger ausgeprägt, dafür gab es mehr Uraufführungen für traditionelle Ensembles wie Symphonieorchester.Das hing mit der Auftragspolitik zusammen und mit der Aufführungssituation: Die Orchester haben ja - nicht immer ganz freiwillig - sehr viel Zeitgenössisches gespielt in der DDR.

TAGESSPIEGEL: Hat die Diversifizierung der Stile die Auswahl für diese Biennale schwerer gemacht als für die vorangegangenen?

HOFFMANN: Für die fünfziger, sechziger Jahren war es relativ einfach, auch weil man inzwischen durch den Abstand eine Draufsicht hat.Mir würde es schwerfallen, für die 80er Linien aufzuzeigen wie für die 50er.Deshalb habe ich mich gemeinsam mit den Komponisten Wolfgang Rihm und Stephan Winkler bei der Programmkonzeption darauf konzentriert, wichtige Werke, die sich häufig auch gar nicht in eine der Schubladen einordnen lassen, wieder vorzustellen.Wir wollen zeigen, was bleibt.

TAGESSPIEGEL: Darunter sind nur vier Werke von DDR-Komponisten ...

HOFFMANN: Die Stücke, die wir ausgewählt haben, sind doch sehr gewichtige Werke, die auch an wichtigen Positionen im Programm stehen.Schenker, Goldmann und Katzer waren die Komponisten der mittleren Generation, die sich in den achtziger Jahren durchgesetzt hatten, sie waren prägende Figuren.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, daß bestimmte Elemente nur aus dem Kontext der DDR verständlich waren?

HOFFMANN: Ja, zum Teil.Kultur hat ja in der DDR Journalismus ersetzt.Es gab keine Öffentlichkeit über die Medien, deshalb wurde viel über Kunst transportiert.Alles hatte immer einen Subtext, natürlich auch in der Musik.Jemand, der exemplarisch für Aktualität steht, ist Reiner Bredemeyer ...

TAGESSPIEGEL: ...der im Programm fehlt!

HOFFMANN: Seine Stücke waren ganz wichtig in der jeweiligen politischen Situation.Bredemeyer hat sozusagen tagesaktuell komponiert: Als beispielsweise die russische Zeitung "Sputnik" in der DDR verboten wurde, hat er sofort ein Stück geschrieben, das noch am selben Abend im Palast der Republik uraufgeführt wurde.Da wurde nicht geprobt, jeder, der Noten lesen konnte, bekam ein Blatt in die Hand, und das Stück wurde quasi als Protest aufgeführt.Das versteht man heute ohne Kommentar nicht mehr.Mit gewissem Abstand gesehen, haben solche Stücke häufig auch nicht mehr genug Substanz.Ein anderer Fall ist Schenkers "Fanal Spanien".Schenker bekam den Auftrag, Liedgut der Arbeiterklasse zu verwenden.Nun kann man einen Auftrag so oder so erfüllen: Schenker wählte den Spanischen Bürgerkrieg als Thema, der ja in der DDR einseitig ideologisch dargestellt und glorifiziert wurde.Er hat mit vielen Zitaten gearbeitet, die bitterböse gemeint sind.Das hört man, wenn man ein bißchen den Hintergrund kennt.Und doch hat das Stück musikalisch genug Substanz, um zu bleiben.

TAGESSPIEGEL: Auf der West-Seite haben Sie die Schwerpunkte Nono, Feldman und Lachenmann gesetzt.

HOFFMANN: Wir sind in der Diskussion ziemlich schnell übereingekommen, daß das drei Komponisten sind, die mit ihrer Individualität die Zeit geprägt, die gegen das anything goes der achtziger Jahre komponiert haben.

TAGESSPIEGEL: Es fällt auf, daß die Namen von bekannten Komponisten wie Arvo Pärt oder Siegfried Matthus fehlen.

HOFFMANN: Wir haben den Anspruch, jene Dinge wieder vorzustellen, die tatsächlich innovativ gewesen sind in dieser Zeit.Ich glaube, das kann man weder bei Matthus noch bei Pärt behaupten.Es ist nicht die Aufgabe der Musik-Biennale, sich für Komponisten stark zu machen, die im normalen Repertoirebetrieb durchgesetzt sind.

TAGESSPIEGEL: In einem der Heiner-Müller-Gedichte, die Wolfgang Rihm jetzt vertont hat, heißt es: "Verstopfe deine Ohren, Sohn, die Gefühle sind von gestern, gedacht wird nichts Neues." Was ist das Neue in der Neuen Musik von 1999?

HOFFMANN: Dazu fällt mir der Titel der Uraufführung von Carola Bauckholt ein: "Es wird sich zeigen".Aber im Ernst: Es ist immer schwer, über Musik zu sprechen, die noch nicht aufgeführt ist.Ich glaube, daß unter den 23 Uraufführungen dieses Jahres nicht zwei Komponisten sind, die mit den gleichen Mitteln, die aus denselben Gründen komponieren.Man wird über jeden Komponisten, über jedes Werk einzeln sprechen müssen.

TAGESSPIEGEL: Aber es gibt doch recht deutliche Tendenzen, die expressiv-neoromantische Richtung zum Beispiel von Rihm oder Pintscher.

HOFFMANN: Das ist sicher richtig.Auf der anderen Seite ist beispielsweise Hanspeter Kyburz dabei, der Form aus mathematischen Prozessen generiert, wobei eine erstaunlich sinnliche Musik herauskommt.

TAGESSPIEGEL: Ist die neue Expressivität eine Rückkehr zum Publikum, der Versuch, wieder näher an die breiten Hörerschichten zu kommen?

HOFFMANN: Ich weiß nicht, ob das der richtige Ansatz ist.Zumindest hat noch keiner der mir bekannten Komponisten das zugegeben.Ich weiß nicht, ob man auf das Publikumsinteresse hinkomponieren sollte.Man muß den Hörern etwas zu denken geben, darf sie nicht unterfordern.

TAGESSPIEGEL: Zur einmaligen Atmosphäre der Berlinale gehört, daß man nach den Filmen mit Regisseuren und Schauspielern diskutieren kann.Das ist manchmal zäh, oft aber auch sehr spannend.Warum gibt es das nicht bei der Biennale?

HOFFMANN: Es gibt diese Möglichkeit auch bei uns - jedoch einen Tag nach der Uraufführung.In Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste findet im Institut für Neue Musik die Reihe "Nachtrag" statt, bei der sich die Komponisten dem Publikum stellen.

TAGESSPIEGEL: Dafür müssen wir uns extra noch einmal auf den Weg machen ...

HOFFMANN: Wir rechnen ja mit einem aktiven, neugierigen Publikum.Ich denke, es ist gut, wenn man nach dem Eindruck einer Uraufführung eine Nacht darüber schlafen kann, um dann ohne Zeitdruck in entspannter Atmosphäre in die Diskussion einzutreten, das Stück vielleicht noch einmal vom Band zu hören, in die Partituren zu schauen.

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