Was ist deutsch? : Auf der Suche nach dem Wirgefühl

Ein Werkstattgespräch: Auf Einladung der Berliner Festspiele, des Tagesspiegels und anderer diskutieren Politiker und Kulturschaffende über die deutsche Identität.

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Was ist deutsch? Nachdenken über die Mehrheitsgesellschaft.
Was ist deutsch? Nachdenken über die Mehrheitsgesellschaft.Foto: dpa/Günter Bratke

Wer sind wir, was wollen wir sein, wer waren wir je? Kurz: Deutschsein, was ist das eigentlich? Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, ist überzeugt, „dass diese Frage uns alle bedrängt“. Doch wie führt man eine Debatte über deutsche Identität oder eine deutsche Leitkultur in Zeiten des Populismus? Wo „draußen ein Herr Gauland von der AfD lauert, der uns alle entsorgen will“, wie die Migrationsforscherin Naika Foroutan sagt?

Das Haus der Berliner Festspiele versuchte es am Sonntag, eine Woche vor der Bundestagswahl, mit einer Gedankenwerkstatt. Kooperationspartner sind der Deutsche Kulturrat, der DBG, die Initiative kulturelle Integration und der Tagesspiegel; Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff moderierte. Überraschendes Ergebnis dieses Experiments: Auch viele Zuwanderer in Deutschland sind auf Identitätssuche – und verzweifeln mitunter am Hang ihrer deutschen Mitbürger zur Selbstleugnung. „Wie und womit sollen sie sich da identifizieren?“, fragt Naika Foroutan. Das Grundgesetz und formale Regeln für das Zusammenleben – in Deutschland gibt man sich die Hand – reichten als Identifikationsgrundlage nicht. „Es gibt das Bedürfnis nach etwas Übergeordnetem, etwas Verbindendem.“

„Wenn Integration funktionieren soll, brauchen wir etwas über den rechtlichen Rahmen hinaus,“ sagt auch Ali Can. Der junge Deutsche mit türkischen Wurzeln hat eine Hotline für besorgte Bürger eingerichtet und den Verein „Interkultureller Frieden“ gegründet.

Ein Viertel aller Deutschen hat einen Migrationshintergund, sagt Sawsan Chebli

Foroutans „Angebot“, wie sie sagt, lautet schlicht Solidarität, hergeleitet aus dem Marxismus und der Soziallehre. Für Sawsan Chebli, Kind palästinensischer Flüchtlinge und heute Staatssekretärin im Berliner Senat, kann hingegen aus der gelungenen Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein positives Narrativ für die deutsche Zuwanderungsgesellschaft erwachsen. „Wir können daraus den Auftrag ableiten, uns gemeinsam für eine demokratische Kultur und für Menschenrechte einzusetzen.“ Und: „Wir überfordern Migranten nicht, wenn wir sie in diesen Kampf als Lehre aus dem Holocaust einbinden.“

Die Zeiten, in denen die Mehrheitsgesellschaft anderen vorgebe, wie sie zu leben hätten, seien allerdings vorbei, ergänzt Chebli. Ein Viertel aller Deutschen hätte mittlerweile einen Migrationshintergrund. „Schon deshalb kann Deutschsein heute nicht mehr über die Abstammung oder Religion definiert werden.“ Eine Leitkultur, die Ethnizität und Religion vollständig ausklammert, ist nach Auffassung Naika Foroutans aber ebenfalls nicht mehr zeitgemäß. Für viele seien dies wieder wichtige Bezugspunkte.

Mehr als ein zivilisiertes Miteinander kann es nicht geben, sagt Michael Wolffsohn

AfD und Pegida zum Trotz dominieren bei diesem Werkstattgespräch optimistische Zukunftserwartungen. Allein der deutsch-israelische Historiker und Publizist Michael Wolffsohn will sich dem nicht anschließen. Pessimistisch stimmt ihn vor allem die zunehmende Radikalisierung der „alten neuen Rechten“ auf der einen und einer Minderheit von Migranten auf der anderen Seite, die sich bis zum Bürgerkrieg auswachsen könne. Historisch betrachtet sei das allerdings kein Einzelfall. „Migrationskrisen sind nichts Neues. Die Weltgeschichte ist letztlich nichts anderes als eine Geschichte der Migration – die selten friedlich verlief.“

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund rät Wolffsohn zudem, sich von einem kollektiven Wirgefühl zu verabschieden. Deutschland sei eine im Lauf der Geschichte entstandene Gemeinschaft von Leuten, die zufällig am selben Ort lebten, so seine Argumentation. Selbst die Bayern seien eine Mischung aus Germanen, Kelten und römischen Legionären. Was folgt daraus? „Wir müssen den Mut haben, ins Nichts zu blicken“, sagt Michael Wolffsohn. Mehr als ein zivilisiertes Miteinander von Altdeutschen und Neudeutschen, wie er es nennt, könne es nicht geben. „Alles andere ist Illusion.“

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