Kultur : Was ist deutsche Erinnerung?

Sie arbeiten als französischer Historiker zus

Der französische Historiker über die Bedeutung der Geschichte für die nationale Identität

Etienne Francois (57) war Gründungsdirektor des französischen Centre Marc Bloch in Berlin, das er bis 1999 leitete. Seither ist er Professor für Geschichte am Fachbereich Frankreich der Technischen Universität Berlin und lehrt als Historiker weiterhin an der Sorbonne. François lebt in Paris und Berlin.

Sie arbeiten als französischer Historiker zusammen mit ihrem deutschen Kollege Hagen Schulze zur Zeit an einem Buchprojekt über "Deutsche Erinnerungsorte". Wie gestaltet sich eine Topografie des Erinnerns?

Ein Land erscheint im historischen Blick überzogen von einem Netz von Erinnerungsdaten und Denkmälern: Gedenk-Stätten für Ereignisse, für große Gestalten - alles Kristallisationspunkte der nationalen Geschichte. Man könnte auch sagen: Es ist davon in Form gehalten.

Ein Vorläufer Ihres Unternehmens heißt "Lieux des memoires", Orte der Erinnerung. Sein Verfasser ist der Historiker Pierre Nora, das Werk umfasst nicht weniger als sieben Bände und ist in Frankreich ein grosser Erfolg.

Nora spricht von der Geschichte auf einer symbolischen Ebene und geht davon aus, dass sie auch als eine ständige Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der eigenen Vergangenheit zu verstehen ist.

Ein Puzzle von Erinnerungen, Begriffen und Stereotypen? Ist das mehr als ein Spiel für Liebhaber der Geschichte?

Es ist der Versuch, Bruchstücke des kollektiven Gedächtnisses zu retten, in einem Augenblick, wo es dabei ist, sich aufzulösen. Im Falle Frankreichs ist da etwa die verblassende Erinnerung an die Dritte Republik. Sie ist für Pierre Nora die Epoche, in der die Versprechen der Aufklärung und der Revolution verwirklicht wurden. Frankreich erlebt in den Dezennien nach 1871 seine glanzvollste Zeit. Das Land begreift sich als Resultat einer großen Geschichte, die die Franzosen besitzen, die aber auch sie selbst besitzt, und die sie auf eine gewisse, eben die französische Form der politischen Kultur verpflichtet. Ein solcher Erinnerungspunkt kann aber auch Versailles sein. Für die Franzosen ruft das Wort ganz heterogene Erinnerungsbilder ab: die Gloire des Sonnenkönigs, den Ballhausschwur, mit dem die große Revolution begann, die Niederlage im Krieg 1870/71 und die Schande, die die Deutschen dem Land antaten, indem sie ihren Kaiser im Spiegelsaal des Schlosses proklamierten. Oder man denke an das Pantheon in Paris, wo die Großen der Republik und des 19. und 20. Jahrhunderts aufbewahrt werden.

Apropos Pantheon: François Mitterand ging am Tag seiner Amtsübernahme mit einer Rose dorthin und legt sie an der Grabstelle von Jean Jaurès nieder, dem Führer der französischen Sozialisten. Kann man sich vorstellen, dass Willy Brandt beim Beginn der sozial-liberalen Koalition 1969 unter den Augen der Öffentlichkeit mit Blumen zum Grab von August Bebel gepilgert wäre?

Denken Sie zum Beispiel an das Treffen zwischen Honecker und Weizsäcker im Luther-Jahr 1983 auf der Wartburg. Das war eine gewagte politische Operation, und sie fand statt vor dem Hintergrund der Geschichte, mit Hilfe eines symbolträchtigen Ortes.

Aber in Frankreich ist beispielsweise die Heilige Johanna ganz anders gegenwärtig als es Luther in Deutschland noch ist. Ist ein solches Gedächtnis-Projekt in Deutschland überhaupt möglich?

Ich glaube ja. Es gibt Bruchstücke von Erinnerungsschichten noch, zumindest latent. Sie können auch wiederkehren. Die Heilige Johanna war in Frankreich jahrhundertelang vergessen und gewann erst im 19. Jahrhundert ihre heutige Bedeutung. In Deutschland bilden diese Erinnerungs-Bruchstücke einen Teil des Fundaments, auf dem immer wieder die Identitäts-Debatten geführt werden.

In der Tat hat der Umgang mit der Geschichte seit etwa zwanzig Jahren mächtig um sich gegriffen - angefangen mit der Stauffer-Ausstellung in Stuttgart und der Preußen-Ausstellung in Berlin...

Das ist keine deutsche Erscheinung. In Frankreich, Italien, England - überall nimmt die Beschäftigung mit dem Gedächtnis zu, mit der sozialen Erinnerung. Auch die Zahl der Gedenkveranstaltungen häuft sich.

Aber die Deutschen haben kein Pantheon inmitten ihrer Hauptstadt.

Ohne Zweifel haben diese "Erinnerungsorte" etwas sehr Französisches. Noras Werk bezieht sich ganz auf Frankreich und betont sehr stark die nationale Dimension. So etwas lässt sich auf Deutschland nicht übertragen. Die Franzosen sind sehr selbstbezogen, sie betrachten ihre Geschichte meistens mit einem positiven Blick, mit Elementen der Selbstbestätigung und Selbstspiegelung.

Während die Deutschen ein Geschichtsbewusstsein der Brüche haben. Das verändert die Beschreibung eines Netzwerks von symbolischen Momenten, das "Muster im Teppich" - wie Pierre Nora es nennt.

Die Wahrnehmung und Deutung dieser Brüche wird eine große Rolle spielen bei unserem Unternehmen. Wir wollen abheben auf die vielfältigen Dimensionen des Begriffes "deutsch". Die deutschen Erinnerungsorte beschreiben sehr Unterschiedliches - Goethe und Schiller, Weimar und Buchenwald oder Stalingrad. Es sollen nicht nur Begriffe sein, die das Bildungsbürgertum ansprechen. Wir wollen Alltags-Begriffe aufnehmen, die ein Element der Identität der Deutschen bilden - beispielsweise der deutsche Wald, das Weihnachtsfest, Beethovens Neunte oder der Schrebergarten.

Ist das Ziel des Unternehmens eine Restitution - von Geschichte, von Vergangenheit?

Nein, es wäre anmaßend, von einem Historiker zu denken, er könnte etwas wiederherstellen, was es nicht mehr gibt. So etwas kann nur das Ergebnis von gesellschaftlichen Prozessen sein, bei denen Historiker höchstens eine Nebenrolle spielen. Wir versuchen eine Bestandaufnahme - von Momenten und Aspekten der deutschen Erinnerungen, wobei ich den Plural betone. Von einem einheitlichen Geschichtsbild zu sprechen ist heute unmöglich.

Es soll keine entstehen wie man sie im 19. Jahrhundert entwarf und wie sie die historischen Wandbilder in der Goslarer Kaiserpfalz oder in der Wartburg zeigen?

Nein, es wird ein Kaleidoskop. Die unterschiedlichen Formen der Kollektiverinnerung haben so viel Wandel erlebt im Laufe der Zeit, so viele gegensätzliche Interpretationen, dass man sie nicht mehr unter einen Hut bringen kann.

Was werden wir davon haben? Was hatten die Franzosen von Noras Unternehmen?

Das Ergebnis war paradox. Gedacht war es als Rettungsunternehmen in dem Bewusstsein: Das alles geht zugrunde. So hat es eher dazu geführt, dass die liebevolle Hinwendung zur eigenen Tradition gestärkt wurde. Für Deutschland erhoffe ich mir ein größeres Bewusstsein für die Vielfalt der Entwicklungen und der Schichten der deutschen Vergangenheit, auch dafür, dass darin eine Eigenart und ein Reichtum der deutschen Erfahrung liegt. Zweitens kann der Blick dafür geschärft werden, wie diese Erinnerungen instrumentalisiert wurden, im Kampf für die Selbstbestimmung. Und drittens kann eine größere Aufmerksamkeit dafür entstehen, wie sehr die deutsche Geschichte auch eine europäische ist.

Der moderne Mensch lebt ganz im Jetzt. Woher kommt das Bedürfnis, sich zu erinnern?

Sehr wahrscheinlich aus der Wahrnehmung der Beschleunigung der Geschichte. Es ist eine Gegenreaktion, eine Suche nach Wurzeln. Die zweite Erklärung ist ganz banal. Wir haben mehr Freizeit. Man muss sich klarmachen, dass all das Konstruktionen sind - ob es sich um eine Ausstellung über die 48er Revolution handelt oder seinerzeit um die 750-Jahrfeier Berlins. Vergangenheit wird beschworen. Das ist auch eine Art Freizeitindustrie, weil man freie Zeit - und Geld - dafür braucht. Aber zugleich gibt sie eine Antwort auf die Frage, wer wir sind: eine Antwort, die in turbulenten Zeiten wie diesen einen hohen Wert darstellt. Das Gespräch führte Hermann Rudolph.

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