Kultur : Was ist konservativ?: Werte und Orientierung

Richard Schröder

"Na CDU und CSU sind heute konservativ", sagt der kleine Max. Irrtum. Die sind viel stärker der christlich-sozialen und liberalen Tradition verbunden als der konservativen. Conservare heißt bewahren. Es war die französische Revolution, die seinerzeit die Geister schied in Befürworter und Gegner, Linke und Rechte, Progressiv und Konservative. Bewahren wollten diese Konservativen das Vertraute, die überschaubaren Gemeinschaften der feudal-ständischen Gesellschaft mit ihren gewachsenen Institutionen und Orientierungen, Thron und Altar.

Die wollen bloß ihre Machtpositionen retten, warfen ihnen ihre Gegner vor und forderten Freiheit, nämlich die Befreiung des Eigentums und der Arbeit von grundherrschaftlichen und zünftigen Fesseln die einen, die Liberalen; die Befreiung von Not und Unterdrückung und politische Gleichberechtigung der Unterprivilegierten die anderen, die "Sozialen". Beide setzten sie auf Fortschritt und Emanzipation und sahen einer herrlichen Zukunft des ungetrübten Menschheitsglücks entgegen.

Inzwischen sind alle um einige schmerzliche Erfahrungen reicher. Als nach dem 1. Weltkrieg die "Jungkonservativen" aus einer radikalen Kritik der Moderne heraus den Begriff der "konservativen Revolution" prägten und vom "Neuen Reich" träumten, ahnten sie wohl nicht, was sich bald darauf als "Drittes Reich" etablierte. Revolutionär war das allerdings, aber in einem teuflischen Sinne, als Bruch mit den elementarsten kulturellen (man hätte früher gesagt: sittlichen) Standards. Das hat den Ausdruck "konservativ" diskreditiert, obwohl die Konservativen alten Stils weithin den Nationalsozialismus abgelehnt haben, teils aus tiefer Überzeugung, andere immerhin aus Gründen des Stils.

Die andere schmerzliche Erfahrung war die, dass auch die kommunistische Revolution, die durch planmäßige Umgestaltung der Gesellschaft und durch extensive Naturbeherrschung den neuen, endlich eindeutigen Menschen hervorbringen sollte, auch in eine Diktatur geführt hat. Im Namen des angeblich besseren Neuen wurde über Bord geworfen, was in Wahrheit bewahrenswert war: die demokratischen Institutionen der Machtbegrenzung und Machtkontrolle, der Rechtsstaat und die Unabhängigkeit der Justiz, die Freiheit des Worts, der (rechtlich geregelte) Markt.

Und drittens. "Die Meteorologen haben das Wetter nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, es zu verändern", so begann einmal ein DDR-Journalist ein Interview mit einem Meteorologen. Der aber fand das nicht witzig und wurde sehr ernst. Bewahrung der Schöpfung, Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen: so gesehen sind die Grünen eine konservative Partei.

Erhard Eppler hat unterschieden zwischen dem Wertkonservatismus, der in Auseinandersetzung mit den überlieferten Orientierungen Orientierung gewinnt, und dem Strukturkonservatismus, der einen status quo sanktioniert, auch trotz offenkundiger Missstände. Die Unterscheidung ist hilfreich für ein gerechteres Urteil über den Konservatismus. Er hat, in verschiedenen Graden, auch das erste Moment enthalten.

Und Wertkonservatismus ist fast eine Selbstverständlichkeit, weil ethische Orientierung ohne einen bindenden Bezug auf Überlieferung gar nicht möglich ist. Das Zauberwort Emanzipation ist nämlich gefährlich zweideutig. Im guten Sinne ist es die Entlassung aus der Vormundschaft zur Mündigkeit, zur Freiheit in Selbstbindung. Alls Emanzipation von allen Bindungen ("ich kenne keine Tabus") führt sie bloß zur Enthemmung und irgendwann in eine große Leere.

Die Fähigkeit, am Maßstab des Menschendienlichen zu unterscheiden zwischen dem Erhaltenswerten und dem Veränderungsbedürftigen wird nicht durch Parteizugehörigkeit erworben oder gar garantiert.

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