Kultur : "Was ist Malerei?": Die Welt hat mehr als zwei Dimensionen

Udo Feist

Manche Gemälde verhalten sich zum Abgebildeten wie jene Margarine zur Butter, die in der Werbung mit dem Slogan "Ich kann einfach nicht glauben, dass das keine Butter ist" angepriesen wird: Bei ähnlichem sinnlichen Eindruck ist nur der Fettgehalt geringer. Dagegen fordern andere, vor allem moderne Gemälde vom Betrachter mentale Kaubewegungen bis zur Kieferstarre, weil aus Farbton und Kontur erst eine Form erschlossen werden muss. Immer jedoch geht es um Betrachtung, jenen Vorgang intuitiver Identifikation des Dargestellten, bei dem aus sinnlicher Empfindung und intellektueller Übersetzung nach Maßgabe der Erfahrung Wahrnehmung entsteht. Denn zunächst sind Bilder "Dinge, physische Strukturen, die uns Informationen zur Deutung bieten; nur, dass sie flache Dinge sind, sich also sozusagen verschlankter Mittel bedienen."

Angesichts von so gegensätzlichen Beispielen wie steinzeitlicher Höhlenmalerei, Werken der großen Renaissance-Meister oder Ad Reinhardts sperrigen Schwarz-in-Schwarz-Gemälden regen sich jedoch Zweifel, ob dieses Kunstkontinuum wirklich von der simplen Streichfettmetapher getragen wird. Der Kunstkritiker Julian Bell, selbst Maler, geht davon aus. Deshalb will er mit seinem Buch "Was ist Malerei?" auch weniger zur Kunsttheorie beitragen, als vielmehr zurück zu den "komplexen, doch überwiegend wortlosen Genüssen der Betrachtung". Schließlich scheinen gerade sie in der Moderne von intellektuellen Moden, Esoterik, Kunstmarktschmock und handfester Verunsicherung à la "Was ist Kunst?" oder "Putzfrau gegen Fettwand" kräftig verstellt.

Bells Marschroute aus dem Labyrinth ist so zupackend wie einfühlsam. Er verbindet Sinnlichkeit in Gestalt gut ausgewählter Bilder mit versierter Intellektualität. Selbst aus Dekonstruktivismen schlägt er verblüffende Erkenntnisse. Denn so sehr deren Kraft darin bestehe, sowohl dem Konkreten wie dem Abstrakten letztlich jede Substanz abzusprechen und die Welt so ganz in die Verfügbarkeit persönlicher Bilder zu verlagern, besteht Bell auch hier auf alltagstauglicher Nüchternheit: "Die Welt ist nicht zweidimensional: Bilder sind nicht alles."

Überhaupt bringt er Bilder aller Epochen (mit Schwerpunkt auf der Moderne) stets mit alltäglicher ästhetischer Erfahrung in Dialog und fragt dann weiter. Etwa danach, wie es kam, dass sich die Malerei in den vergangenen 200 Jahren so drastisch veränderte. En passant zeigt er auf thematisch unterschiedlichen Rundgängen durchs historische Material, wie sich die Darstellung vom Dargestellten auf den Maler und von ihm auf den Betrachter verschob. Kenntnisreich und immer mit Respekt für den jeweils letzten Ernst bricht er so durch allerlei klassische Hecken der Kunstbetrachtung - das gewandelte Selbstverständnis der Maler dabei ebenso vor Augen wie veränderte Raum- und Zeitvorstellungen oder den Einfluss wechselnder Ästhetiken.

Bell gelingt es, neue Lust auf Malerei zu machen. Nüchtern und ohne Furcht vor Apodiktischem ("Fun hält Bedeutung auf Distanz" - und ist darum keine Kunst) oder dem Schwelgen, weil die Malerei für Maler wie Betrachter gleichermaßen als Verheißung von Kommunikation funktioniere: "An der Wand hängt ein Produkt, kein Prozess."

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