Kultur : Was ist schon ein Mensch neben einem Stern? Alles

Die nachtschwarzen Filme des Fred Kelemen: eine Werkschau im Berliner Filmkunsthaus Babylon

Peter W. Jansen

Sie sind unentwegt unterwegs. Stationär, zu Hause, irgendwie daheim sind sie nur gelegentlich. Oder zufällig. Ihre Orte sind Bahnhöfe, Massenunterkünfte, Kellergelasse, bestenfalls winzige Wohnungen, Mülldeponien, Fabrikhöfe, endlose Felder oder Straßen in heruntergekommenen Vierteln, durch die Hunde streichen wie Wölfe. Jeder ist für sich allein. Und wenn sie doch mal zu zweit sind, irgendwie Paare, sind sie es eben nur irgendwie, stationär.

Da ist der Akkordeonspieler in „Verhängnis“ (1994), die Büglerin und der Arbeitslose in „Abendland“ (1999) oder Mann und Frau sowie Frau und Kind in „Frost“ (1997): Sie mögen Beziehungen miteinander haben oder Beziehungen aufnehmen, aber auch das geschieht nur im Vorübergehen. Bis zur nächsten Station. Wenn diese Filme zu Ende gehen, könnte nach ihnen ein neuer beginnen. Denn auch jedes Ende ist stationär in den nachtschwarzen, sperrigen Filmen des Berliner Regisseurs und früheren dffb-Absolventen Fred Kelemen, dem das Filmkunsthaus Babylon nun eine Werkschau widmet.

Etwa wenn der Akkordeonspieler der Frau in „Verhängnis“ wiederbegegnet, deren Liebhaber er niedergeschossen hat. Da kommt sie aus dem Waldstück, wo man sie nach der Massenvergewaltigung in der Bar offenbar hingekarrt hat; sie treffen sich im wüsten Gelände einer Fabrik und gehen in den Hintergrund des Bilds. Gemeinsam? Das wäre der neue Film. Aber ob der anders wäre?

In „Abendland“ finden sich der Arbeitslose und die Büglerin am Morgen nach einer langen Nacht der getrennten Reisen durch Kneipen und Kaschemmen, Babyprostitution und Babymord, Heiligtum und Abraumhalden wieder in dem Zimmer, das sie getrennt verließen. Der Mann sitzt am Tisch, wie am Anfang, die Frau steht am Fenster. Dann sieht sie zu ihm hin. Ein neuer Anfang? Was wäre anders?

Nichts hat sich wirklich geändert, aber alles könnte anders ein. Für das Kind, das in der letzten Einstellung von „Frost“ vor der offenen Landschaft steht, allein. Das Kind hat auf der Schulter des Vaters geschlafen, auf dem langen Weg durch das nächtliche Berlin. Es hat es vorgezogen, alles zu verschlafen, was Vater und Mutter, Mann und Frau miteinander zu streiten und zu prügeln haben. Jetzt, am Ende, hat das Kind die Vergangenheit, diesen ganzen Film in Flammen aufgehen lassen. Hier könnte tatsächlich ein anderer Film beginnen. Es gibt ihn noch nicht.

Fred Kelemen, Autor, Regisseur, Kameramann und Monteur seiner drei Filme (das Babylon zeigt auch einige seiner Kameraarbeiten, u.a. für Bela Tarr), scheint sein Werk aus der Armut zu produzieren, die das Insignium seiner Figuren ist. Und doch gibt es kaum reichere Filme in Deutschland. Ihr Licht ist die Nacht, ihr Weg die Beharrlichkeit der Kamera, ihr Leben sind lange, sehr lange Einstellungen, wie es schönere selten gab. Das Brot der Menschen sind Bier und Zigaretten, und ihr Dach ist der Himmel, zu dem die Prostiuierte Nina ihrer Zufallsfreundin Leni hinauf zu schauen rät, wenn sie sich am Ende fühlt, und sich zu fragen. Was denn ein Mensch sei neben einem Stern. Lenis Antwort ist die Antwort Kelemens auf alle Fragen.

Denn was schon sind Sterne neben diesen Menschen, die nicht mehr imstande sind, sich zu sagen, dass sie sich lieben. Oder die es so oft sagen wie der stets betrunkene Vater, bis er schließlich, da die Mutter es nicht mehr hören kann, gewalttätig wird. Oder wie die Tangos des Akkordeonspielers auf der Treppe eines U-Bahn-Schachts oder bei dem Lateinamerikaner, der etwas gegen sein Heimweh braucht, und der, als dem letzten Tango kein weiterer folgen kann, den Spieler zwingt, die Flasche mit Wodka in einem Zug leer zu trinken. So unentwegt unterwegs die Menschen auch sein mögen: Kelemens Filme sind keine Road-Movies. Sie kennen keinen Horizont. Sie sind wie Kreuzwege auf dem Kalvarienberg, führen durch Erniedrigungen und Schmerzen, durch alle Qualen der Hölle.

Der Glockengießer lässt sich, Füße nach oben, hinaufziehen in sein letztes Werkstück. Sein Kopf wird zum Klöppel, die Glocke ertönt, die sein Kind nach Hause rufen soll. Man hört sie noch einmal, wenn das ermordete Kind durch die verlorene Stadt getragen wird. Auf den Armen des Mannes, der nicht in der Lage ist, von der Liebe zu sprechen.

Bis 5. Februar, am 24. 1. um 21 Uhr („Abendland“) besteht Gelegenheit zum Gespräch mit Kelemen. Filmkunsthaus Babylon, Rosa-Luxemburg.Str. 30, Tel. 030/ 2425076

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