Kultur : Was kommt nach Saddam Hussein?: Tyrann auf Lebenszeit

Birgit Cerha

US-Präsident George W. Bush - so scheint es - hat sich zu der prinzipiellen Entscheidung durchgerungen, den Mann, den sein Vater vor elf Jahren bewusst an der Macht hielt - Iraks Diktator Saddam Hussein - zu stürzen. Dies sei nicht länger ein Wunsch, es sei ein Ziel, heißt es aus Washington.

Die Aussicht, dass eine US-Kampagne gegen den Erzfeind der USA eine militärische Aktion miteinschließt, gibt dem in London stationierten Dachverband irakischer Oppositioneller, dem "Irakischen National-Kongress" (INK) großen Auftrieb. Nur halbherzig, aufgrund schlechter Erfahrungen der Vergangenheit, zweifelhaften Rufs seines Vorsitzenden Ahmed Jalabi und tiefer Zerstrittenheit unter den Gegnern Saddams, hatten die USA dem INK finanzielle Unterstützung in Höhe von 25 Millionen Dollar zugesagt. Als Washington im Januar - vorübergehend - die Zahlungen wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten aussetzte, erlitt die Glaubwürdigkeit des National-Kongresses einen zusätzlichen Schlag.

Nun preist der INK eilfertig den Amerikanern sein Rezept für den Sturz des verhassten Bagdader Regimes an, bei dem er eine zentrale Rolle spielen sollte. Jalabi will dieses Ziel nach dem Vorbild des Afghanistan-Krieges mit 3000 von den USA ausgebildeten irakischen Rebellen, einer intensiven US-Bombenkampagne, dem Einsatz mehrerer Tausend Angehöriger amerikanischer Spezialeinheiten und intensiver Unterstützung des Irans erreichen. Saddams Regime, so meinen Exil-Oppositionelle, würde zusammenbrechen, wenn die Angehörigen der Streitkräfte und die Bevölkerung zu der untrüglichen Überzeugung gelangen, dass die USA tatsächlich den Sturz des Diktators erstrebten.

Die bittere Erfahrung nach Ende des Kuwait-Krieges 1991, als sich - ermutigt durch Appelle aus Washington und London - die Kurden im Norden und die Schiiten im Süden des Landes gegen Saddam erhoben und die Amerikaner dann tatenlos zusahen, wie der Diktator den Aufruhr mit grausamer Gewalt niederschlug, hat die Iraker gegenüber amerikanischen Absichten zutiefst misstrauisch gemacht. Viele sind bis heute davon überzeugt, dass die USA in Wahrheit ihren Präsidenten an der Macht halten wollen.

Ein altes Versprechen

Jalabi hofft nun, dass Washington ein altes Versprechen erfüllt und irakische Oppositionelle für den Militäreinsatz zu trainieren beginnt. Und - so schwelgt Jalabi - unter Anspielung auf die internationalen Beratungen im Dezember zur Bildung einer Übergangsregierung in Afghanistan: "Wir brauchen auch keine Bonner Konferenz. Wir können selbst die Rolle eines Übergangsregimes erfüllen."

Doch solche Pläne stoßen auf Skepsis. Zunächst genießt ihr Führer, soweit er im Irak überhaupt bekannt ist, wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten in der Vergangenheit einen zweifelhaften Ruf. Vor allem aber stehen die Kurden, die das Rückgrat des INK bilden, Jalabis Strategie äußerst zurückhaltend gegenüber. Der Einsatz der in langem Kampf erprobten kurdischen Peschmerga (Guerillas) wäre von entscheidender Bedeutung für den Erfolg solcher Pläne.

Grausige Rache

Doch die Kurden hatten Saddams grausige Rache wiederholt zu schmerzlich erlitten, um noch einmal den Aufruhr zu wagen, wenn sein Sieg nicht gewiss ist. Zudem, betont der Führer der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP), Massoud Barzani: "Wir müssen im Voraus wissen, wie die Alternative zu Saddam, wenn es eine gibt, aussehen soll. Wir sind keineswegs sicher, dass eine solche für uns besser wäre." Unter dem Schutz der Amerikaner und Briten fristen die Kurden im Norden des Iraks seit elf Jahren ein relativ sicheres Dasein in einem de facto autonomen Gebiet. Sie haben viel zu verlieren, vor allem wenn in Bagdad ein Nationalist an die Macht käme, der ihnen die errungenen Freiheiten wieder rauben würde.

Der Hoffnung, die USA könnten durch den Beweis der Ernsthaftigkeit ihres Vorhabens eine Palastrevolte in Bagdad auslösen, fehlt die Basis. Saddam hat in seiner 30-jährigen Karriere die blutige Ausschaltung potenzieller Gegner und Rivalen zur Meisterschaft entwickelt. Heute umgibt er sich mit einem engen Kreis von überwiegend Familien- und Clan-Angehörigen sowie Komplizen seiner Verbrechen, die alle ein ureigenstes Interesse an der Erhaltung seiner Macht hegen. Sollte Saddam stürzen, aber das Regime nicht zusammenbrechen, so hat der Diktator bereits alle Vorkehrungen für eine reibungslose Nachfolge - durch seinen jüngeren und ebenso skrupellosen Sohn Qusay - getroffen.

Das haben die USA lange erkannt. Sie setzten deshalb immer wieder auf Umsturzversuche aus den Reihen der Offiziere. Doch Saddam kam jedem solcher Versuche zuvor. Generäle, die die Macht übernehmen könnten, wurden alle exekutiert. Ob heute im Offizierskorps noch mutige Männer sind, die das gigantische persönliche Risiko eines Komplotts zugunsten des Landes auf sich nehmen würden, ist höchst fraglich. Deshalb haben die USA offenbar begonnen, unter 62 im Exil lebenden Offizieren nach einem Übergangskandidaten zu suchen. Der in Dänemark lebende Nizar Khazraji, einst Generalstabschef der Armee, gilt als möglicher Kandidat, ebenso wie der in Jordanien lebende General Najib al-Salhi. Doch ob diese Männer, die lange dem Diktator gedient hatten, im Land auf Zustimmung stoßen, ist unsicher.

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