Kultur : Was kostet der Klang?

Lange galt akustische Kunst als Stiefkind des Betriebs. In diesem Frühjahr setzten Berliner Galeristen auf den Ton

Claudia Wahjudi

Kunst geht schon lange nicht mehr durch die Augen allein, aber im ersten Quartal des neuen Berliner Kunstjahrs spielt die Klangkunst richtig auf: Ende Januar startet die Galerie Rafael Vostell eine auf zwei Jahre angelegte Reihe mit jüngeren und bereits arrivierten Vertretern des Genres. Sie beginnt mit Ulrich Eller; es folgen Robin Minard, Hans Peter Kuhn, Qin Yufen und Peter Vogel. Die Galerie Anselm Dreher zeigt im Februar Arbeiten von Rolf Julius, der mit seinen Installationen aus Alltagsgegenständen und minimal veränderten Naturgeräuschen längst zu den Stars der Klangkunst avanciert ist. Ende März dann eröffnet im Martin-Gropius-Bau die Ausstellung „Sonic Process“. Sie soll mit Arbeiten von Künstlern wie Renée Green, Mike Kelley und Gabriel Orozco auf Berührungspunkte von Kunst und Musik aufmerksam machen.

Spätestens die Documenta 11 und die letzte Venedig-Biennale haben gezeigt, dass Klang in den Neunzigerjahren eine zunehmend selbstverständliche Verwendung in der bildenden Kunst erfahren hat. Die Öffnung der Museen für Clubkultur schulte den Hörsinn des Publikums; Carsten Nicolai und Gerwald Rockenschaub, die musikalisch wie bildnerisch arbeiten, feierten international Erfolge. Anfang 2002 zeigte die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt/ Main die Großausstellung „Frequenzen“. Und doch: Aus der Perspektive des Kunstmarktes steckt die Klangkunst noch immer in einer Nische.

Klänge brauchen langen Atem

Positioniert zwischen Neuer Musik und zeitgenössischer Kunst fällt das junge Zwittergenre durch das Ressortraster von Presse und Kulturhäusern. Museumshallen eignen sich selten für akustische Präsentationen. Der Einsatz elektronischer Technik macht Klangkunst anfällig und kostspielig: Rund 20 000 Euro, sagt der Berliner Künstler Jan-Peter E. R. Sonntag, koste ihn die Produktion einer vier Wochen dauernden Installation. Kein Wunder, dass sich nur schwer Käufer finden lassen. Bessere Chancen als auf dem Markt hat die Klangkunst, die sich ohnehin gern ein Zufallspublikum sucht, im Stadtraum oder auf Landesgartenschauen. Dort allerdings benötigt sie besonderen Schutz vor Diebstahl und Wetter.

Zudem ist Klangkunst fast immer technisch aufwändig. Künstler und Galeristen brauchen einen langen Atem. So arbeitet Anselm Dreher bereits seit 1987 mit Rolf Julius zusammen. Erst vor zwei Jahren präsentierte er mit dem Künstler und Komponisten Arnold Dreyblatt einen weiteren Klangexperten. Rafael Vostell zeigte die erste Einzelausstellung von Qin Yufen 1997. „Jetzt erst läuft es an", sagt er: Der Hamburger Bahnhof und die Atlana AG in Bad Homburg kauften im letzten Jahr jeweils eine Installation der 1954 im chinesischen Shandung geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin.

Dreher und Vostell gehören zu der Handvoll Protagonisten, die im Berlin der 90er Jahre das Feld für die Klangkunst bereitet haben. Die Akademie der Künste veranstaltete 1996 das Überblicksfestival „sonambiente“. Etwa zeitgleich nahm die nicht kommerzielle singuhr-hörgalerie im Glockenturm der Parochialkirche ihre Arbeit auf. Wolfgang Krause von der Galerie O2 stellte Klangkunst auf seinen Festen in der Oderberger Straße vor; die Hypovereins-Bank präsentierte sie auf dem temporären „Klangkunstforum Park Kolonaden“ in ihrem Neubau am Potsdamer Platz. Die Technische Universität mit dem Elektronischen Studio und der DAAD veranstalten das „Inventionen“-Fest; die Initiative Neue Musik vergibt im Auftrag des Senats Landesmittel für Projekte. Kurz: Jenseits des Engagements weniger Galeristen ist Klangkunst auf Institutionen, öffentliche Förderung und Sponsoren angewiesen.

Von der Arbeit der Pioniere profitieren die Jüngeren. Klangkunst gehört ganz selbstverständlich zum Programm der Galerie chromosome, in der Johanna Rieseneder seit 2001 zeitgenössische Zeichnung, Malerei und Installation zeigt. So war in ihrer Herbstausstellung „Who is afraid of Black?“ auch ein Prototyp aus der Reihe „OMOs“ von Jan-Peter E.R. Sonntag zu erleben, ein großes schwarzes Kissen, das interaktiv gesteuerten, tief frequentierten Schall in den Körper des Sitzenden überträgt. Klangarbeiten werden bei chromosome den herkömmlichen Genres sozusagen beigemischt; zum Adhoc-Verkauf ab Galerie eignen sie sich jedoch kaum. „Klangkunst lebt von Honoraren", sagt Rieseneder. Zu ihren Schwerpunkten zählt die junge Galeristin daher die Vermittlung von Kunst am Bau.

Von den Clubs in die Galerie

Im April 2002 gründeten Inken Wagner und Sabine Schall complice. Die kleine Galerie in Friedrichshain dient als Raum für Ausstellungen aus den Sparten Kunst, Design und Architektur - und als Konzertbühne. Antoine Beuger stellte eine Klangarbeit aus; Chico Mello und Jürg Frey führten Kompositionen auf. Das interdisziplinäre Programm soll Kontakte zwischen Musik- und Kunstszene vermitteln: Wagner und Schall sehen ihr Projekt zunächst weniger als kommerzielle Galerie denn als spartenübergreifendes Experiment - auch deshalb haben sie die stille Bänschstraße als Standort gewählt. „In Mitte", sagen sie, „müssten wir schon wegen der hohen Mieten verkaufen." Im ersten Jahr lebt complice von gelegentlichen Förderungen und dem Ersparten der Gründerinnen.

So unterschiedlich chromosome und complice sind: Beide Konzepte könnten langfristig aufgehen. „Junge Künstler haben den Sektor Klangkunst entdeckt, und vor allem das jüngere Publikum ist interessiert", meint Galerist Anselm Dreher. In den Clubs der 90er Jahre sensibilisiert für die computergesteuerte Erzeugung von Sounds, sind 20- bis 40-Jährige bestens vertraut mit der seriellen Klangstruktur, wie sie vielen Arbeiten zugrunde liegt. Zudem hat die jüngste Rezeptionswelle von Fluxus erneut Verbindungen zwischen Akustik und Optik, Zeit und Raum etabliert. Die zunehmende Verbreitung der für die Klangkunst notwendigen Hart- und Software schließlich begünstigt die Unabhängigkeit der Künstler von teuren Profistudios und könnte allmählich die Produktionskosten senken.

Solange bleibt es freilich schwierig. In der gegenwärtigen Rezession, beobachtet singuhr-Mitbegründer Carsten Seiffarth, halten sich Firmen mit Materialsponsoring zurück. Auch Sammler greifen nur zögernd zu. Privatkunden, sagt Anselm Dreher, nutzen Klangkunst „wie ein chinesisches Rollbild": Sie aktivieren sie lediglich in Mußestunden. Ebenso wie Videokunst eignen sich Klangarbeiten nicht als Zimmerschmuck über Sofa oder Chefsessel, sondern fordern ungeteilte Aufmerksamkeit. Womöglich aber handelt es sich auch nur um eine spezifisch deutsche Zurückhaltung gegenüber Geräuschen. Galerist Raffael Vostell jedenfalls eröffnet im Februar eine Niederlassung in Madrid. „Die Spanier", sagt er, „haben an Klangkunst großes Interesse.“

Galerie Anselm Dreher, Pfalzburger Str. 80. Termine: www.galerie-anselm-dreher.com

Galerie Rafael Vostell, Schönhauser Allee 176. Informationen unter www.vostell.de

„Sonic Process“: Martin Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, 28. März bis 25. Mai.

chromosome, Invalidenstr. 123-124. Informationen unter www.hauptstadtkunst.de

Complice, Bänschstr. 20, Informationen unter www.e-complice.de

Konzerte mit Jürgen Frey am 10. 1., 19.30 und 21 Uhr, und am 12. 1., 16, 18 und 20 Uhr

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