Kultur : Was kostet ein Kuß?

Wie wird schon ein Kleid aussehen, dessen Designer Vergnügen daran findet, seine Freundin von einem Hausschwein besteigen zu lassen? Und dessen Muster inspiriert wurde durch die Zimmergardinen eines indischen Immigranten, der gerade wegen seines schlechten Musikgeschmacks Opfer gewalttätiger Bauarbeiter wurde? Na, wie schon? Scheußlich natürlich.Das blättergemusterte Wunderding in Rot und Blau, das die Hauptrolle in Alex van Warmerdams Film "Das geheimnisvolle Kleid" spielt, sieht aus wie eine Mischung zwischen C&A und Haushaltskittel.Und es hat - dem bösen Geist seiner Entstehung geschuldet - magische Fähigkeiten.Denn offensichtlich finden die Männer im Film, wahlweise Zugschaffner, Penner oder Maler, Frauen, kaum sie das Kleid anhaben, ungeheuer erotisch.Und noch erotischer, sobald sie es abstreifen.

Doch das geheimnisvolle Zauberkleid bringt keiner seiner Trägerinen Glück.Weder der ältlichen Hausfrau, die es kauft, noch dem Hausmädchen, das es übernimmt.Der jungen Chantalle nicht, die es auf Minilänge kürzt und erst recht nicht der Pennerin, die es stiehlt.Sind sie alt oder arm, sterben sie (entweder an Herzschlag oder Erfrieren), sind sie jung, werden sie vergewaltigt.Die undankbarste Rolle des Films aber hat sich der niederländische Regisseur ("Abel", "De Noorderlingen") selbst vorbehalten: Er spielt den psychopathischen Zugschaffner De Smet, der durch den Anblick des Kleides zum Triebtäter, Kindesschänder und Kunsträuber wird.Und bringt in den sonst eher distanziert-lakonisch erzählten Film eine böse Spannung.

"Das geheimnisvolle Kleid" verkehrt das Märchen vom Aschenputtel in einen zivilen Alptraum und zelebriert einen Reigen der Geschmacklosigkeiten: In der holländischen Sauber-Sauber-Welt versammelt der Film unter anderem Maler, die ins Waschbecken pinkeln, Zugschaffner, die sich in der Zugtoilette befriedigen und Rentner, die für Zungenküsse zahlen.Märchenhaft ist Alex van Warmerdams "Geheimnisvolles Kleid" dabei keineswegs und auch nur in Maßen geheimnisvoll.Und erotisch schon gar nicht.Vielleicht, weil man keinem der Charaktere so richtig nahekommt, so völlig ohne Wärme in diesem flachen, nassen Land. til

Blow up, Eiszeit, Hackesche Höfe, Kant

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