Kultur : Was kostet eine Seele?

Hamburger Premieren: Brechts „Sezuan“ am Schauspielhaus, Schillers „Maria Stuart“ am Thalia Theater

Katrin Ullmann

Drei Götter erscheinen riesig groß auf einer Leinwand. Sorgsam beäugen sie die puppenhaft wirkende Provinz Sezuan, beraten und beklagen sich über die verkommene Menschheit. Jean-Pierre Cornu, André Jung und Josef Ostendorf spielen in Christian Pades Brecht-Inszenierung des „Guten Menschen von Sezuan“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg die drei tuckigen Überirdischen, die in einem schwachen Moment der freimütigen Prostituierten Shen Te einen Haufen Geld zustecken.

„Engel der Vorstädte“ wird Shen Te genannt, denn sie hat ein Herz für jeden. Zu Geld gekommen, eröffnet sie einen Tabakladen und gerät in die Bredouille. Wer gut sein will, kann keine Geschäfte machen. Also klebt sich Shen Te hin und wieder ihren dünnen Zopf ans Kinn und spielt den kapitalistisch gewieften Vetter Shui Ta. Drei Stunden lang arbeitet sich Marion Breckwoldt tapfer durch ihre Doppelrolle, ist mal grollend, mal albern und mal schwer verliebt. Am Ende wird sich der Vetter durchsetzen, mit einem aufstrebenden Tabakimperium und Billigstlohnzahlungen.

Zwischen Papyruswäldchen, asiatischer Großstadt-Skyline und einem kleinen Holzverschlag erzählt Pade brav und textgetreu die Brecht-Parabel, die Bezüge zur globalisierten Gegenwart besorgt das Programmheft. Es ist ein fürchterlich ödes Trauerspiel, in dem man sich dringend jene drei Götter zurückwünscht, um den Abend zu beenden.

Stephan Kimmigs „Maria Stuart“ am Thalia Theater dagegen erweist sich als gelungener Laborversuch über Macht und Religion, Politik und Intrigen. Zwischen weißen Wänden, grauem Beton und Edelstahlarmaturen stecken ein paar Birkenstämme (Bühne: Katja Haß). In der Mitte des Raums steht ein elektrischer Foltersitz, ein Monstermöbel. Maria Stuart thront darauf: todgeweiht und zugleich voller Leben. Susanne Wolff spielt Maria Stuart, sie ist den größten Teil des Abends an diesen Stuhl gefesselt. Eine Sympathieträgerin, ohne Opfer zu sein, aufrecht und schön. Kein Wunder, dass Mortimer (Daniel Hoevels) wild entschlossen ist, sie zu befreien. Doch der schmierige Leicester (Werner Wölbern) wird ihn verraten und Mortimer sich den Hals aufschlitzen.

Es fällt kein Wort zu viel an diesem Abend. Scharf schneiden die Darsteller sich durch Schillers Text, brillieren in machtgierigen Politikerrollen, überbieten sich in Manipulation und Verantwortungslosigkeit. Wie lauernde Tiere umkreisen sie sich, stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Am Rand des Geschehens steht Elisabeth, gespielt von Paula Dombrowski. Sie, die eigentlich alles in der Hand hat, wirkt – trotz gut sitzendem Anzug und wohl sortierten Locken – wie ein zerbrechlicher Teenager, dem der schwere Fingerschmuck die Hände lähmt. Kurzatmig bellt sie ihre Berater an, um mit fröstelnd verschränkten Armen an den Ecken und Kanten des Bühnenbilds Halt zu suchen oder verloren neben sich zu stehen. Den Befehl zur Hinrichtung schiebt sie mit der Unterschriftenkladde an ihren bald schweißgebadeten Diener Davison (Christoph Rinke) ab.

Klug gekürzt und psychologisch genau ist Stephan Kimmigs „Maria Stuart“-Inszenierung. Entschlossen verlässt sich der Regisseur auf Schillers zunächst spröde anmutende Sprache, auf das Thalia-Ensemble und eine kühle Ästhetik. Ein Rezept, das schon häufiger aufging, denkt man an „Penthesilea“ oder an die „Buddenbrooks“. Die Inszenierung erzählt von Todesstrafe, Folter und missachtetem Völkerrecht genauso wie von Eifersucht, Liebe und gekränkter Eitelkeit. Das ist es, was so berührt. Nicht die distanzierte Aufsicht auf Macht und Intrigen, sondern der Blick in die angstbesetzten Menschenseelen.

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