Kultur : Was Künstler verdienen

Alles blüht, alles grünt: ein Besuch in der deutschen Villa Massimo in Rom

Paul Kreiner

Schwere, schwüle Düfte ziehen durch den alten Park. Sie wehen herüber von der blauen Iris, den Rosen und vom Aprikosenbaum mit seinen hundert Jahren. „Früchte hat der“, sagt der Direktor, „die sind ein Wahnsinn.“ Alles andere wird noch: der Kirschbaum und der seltene Saturnia-Pfirsich beispielsweise, vom Meister persönlich gepflanzt, „weil ja jeder Direktor was hinterlassen will, wenn’s schon nichts Intellektuelles ist“. Die Bäume, das sind zurzeit kaum mehr als dünne, hoffnungsfroh ausschlagende Reiser, aber der Herr Direktor amtiert ja auch erst im zweiten Jahr. Da steht alles noch am Anfang, und das Alte mit ihm, wieder einmal.

Vier Jahre war die Villa Massimo wegen Renovierung geschlossen. Dann kam Joachim Blüher. Mit ihm kamen auch die Rheinkiesel auf den toskanisch anmutenden Vorplatz, fein und rund, damit sich die Damen der Gesellschaft bei den Stehempfängen nicht länger ihre Stöckelschuhe ruinierten. Es folgten die Diskussionen zwischen den Architekten, die das Treppenhaus unbedingt weiß streichen wollten, der optischen Leichtigkeit halber, und dem Kölner Galeristen Blüher, der unbedingt die ursprünglichen pompeijanischen Rot-, Ocker- und Grün-Töne wiederhergestellt wünschte: „Warme Farben, das brauchen wir aus dem Norden.“ Zu guter Letzt kamen die, „die wir in Deutschland für die Besten halten“: zehn junge Künstler.

Im zweiten Blüher-Jahr sind das die Literaten Julia Franck und Feridun Zaimoglu, die bildenden Künstler Sandra Hastenteufel und Wolfgang Kaiser, dazu Gabriele Brasch, Manuel Franke und Veronika Kellndorfer, die Komponisten Sebastian Claren und Rudi Spring, der Architekt Jakob Timpe – von Bund und Ländern ausgewählt aus mehr als 2000 Bewerbungen und allesamt beglückt mit dem, was Julia Franck „die bestbezahlte deutsche Auszeichnung nach dem Büchner-Preis“ nennt: dem Jahresstipendium in der Villa Massimo.

Ein königlicher Luxus, eine künstlerische Spitzenförderung, ein Mäzenatentum, mit dem – nach Joachim Blüher – „eine Gesellschaft an die Stelle von Fürsten getreten“ ist. Julia Franck nennt die Idylle, viel bescheidener, „fast zu schön, fast zu ideal“.

Ersonnen hat dieses Paradies der preußisch-jüdische Unternehmer Eduard Arnhold. 1910 kaufte er der römischen Adelsfamilie Massimo einen 3,6 Hektar großen Park ab; vor der Stadt lag der damals noch, ihr zugewandt zur einen Seite, zur anderen aber mit einer Terrasse, von der aus der Blick weit über die Campagna schweifen konnte. Deutschromantische Rom-Sehnsucht? Nicht nur. Auch eine Kampfgründung. Die Franzosen waren schon mit einer Akademie in Rom, die Briten waren da, da sollten auch die Deutschen Flagge zeigen, und Arnhold gab dem Reich das Geld dafür. Er wollte, sagte er, „den Künstlern einmal das geben, was sie verdienen und sonst nie bekommen“.

Arnhold ließ die, so Julia Franck, „Reihenhaussiedlung“ bauen, diese Kette römisch-roter Ateliers, die noch heute modern aussehen und die, weil ja jeder Künstler immer das größte haben will, alle genau das gleiche Maß haben: ein 81 Quadratmeter großes, zwei Geschosse hohes Studio mit riesigen Fenstern, dazu die Wohnräume und ein Gärtchen.

Natürlich, die Wechselfälle der Geschichte: Mal spazierte der Duce von seiner nahen Villa Torlonia zum Boccia-Spielen herüber, mal wurden die Deutschen verjagt, weil ihre Direktoren Juden waren oder weil gerade Krieg war und man die Deutschen als Deutsche nicht mochte; nach 1945 besetzten italienische Künstler die Villa, die Lollobrigida und die Loren standen Modell.

Später kam die Zeit – der Ärger begann Anfang der Siebzigerjahre –, in der sich Literaten wie Rolf Dieter Brinkmann („Rom, Blicke“) oder Gerhard Köpf einen edlen Wettstreit lieferten, wer mit den ätzendsten Worten über die staatlichen deutschen Kulturinstitutionen herziehen konnte und über die morbide, kaputte, deprimierende Stadt Rom sowieso. Provokationen und Streit, Skandale und Skandälchen, immer wieder Kritik an der „miesen“ Verwaltung „nach Neurotiker- oder nach Gutsherrenart“, wie Kritiker formulierten. Die Villa Massimo war nicht mehr erste Adresse für die deutsche Kultur in Rom.

Das hat sich nun geändert. Der Computer des Herrn Direktor belegt es (Information: www.villamassimo.de). Er steckt voller Fotos von Empfängen, Festen, Konzerten und Vernissagen. Da lächeln Museums-, Bank- und Akademiedirektoren, Künstler und Galeristen, Deutsche und Italiener, Diplomaten und Hoteliers, Industrielle, Politiker, Professoren, Journalisten – die römische Gesellschaft. Und wen immer man in diesen Kreisen nach Joachim Blüher fragt, dem fällt als Erstes ein, wie groß und ausführlich und leuchtend der Herr Direktor von der Wiedergeburt „seiner“ Institution erzählen kann. Es gibt auch Leute, die dies Repräsentationswesen nicht so berauschend finden.

Austausch, Netzwerk-Bildung, sagt Joachim Blüher, das sei’s. „Das italienische Luftwaffenorchester hat bei uns die Komposition eines Stipendiaten uraufgeführt. Ein Stück für 84 Bläser. Was meinen Sie, wie der sich gefreut hat. Für so etwas gibt’s die Villa Massimo.“ Julia Franck, die Schriftstellerin aus Berlin, sieht es ein wenig anders. Für bildende Künstler, meint sie, mag das Event-Gewusel schon sinnvoll sein, aber nicht so sehr für Schriftsteller, die eher ihre stillen Rückzugsräume schätzten: „Ich wollte hier gar keine Kontaktvermittlung. Ich mag es nicht, repräsentativ benutzt zu werden. Ein Künstler will nicht den Eindruck haben, dass er nur Dekoration ist. Mir ist das fremd.“

Immerhin stimmen Blüher und Franck darin überein, dass der Stipendiatenjahrgang 2005 ein recht harmonischer ist. „Neulich wollte einer von uns Geburtstag feiern, 80 Leute einladen und zur Bewirtung eine Catering-Firma engagieren. Da hab ich gesagt: Was die können, das können wir auch. Jetzt kochen wir selber“, erzählt Julia Franck.

Neuartiges Leben herrscht in der Villa Massimo. „Sieben bis acht Kinder“, so genau weiß Direktor Blüher das auch nicht, sind mit den Stipendiaten eingezogen. Auch Julia Franck hat ihre beiden mitgebracht. Täglich bis fünfzehn Uhr spielen sie in einem ganz normalen italienischen Kindergarten, weil sich die Mutter gleich zwei Bücher vorgenommen hat, „und ich die Zeit zum Arbeiten brauche“.

Was sie aus den zwölf ihnen geschenkten Monaten machen, das bleibt den einzelnen Stipendiaten überlassen. Voll und ganz, sagt Blüher: „Bei den Akademien anderer Länder müssen sie Projekte und Prospekte vorlegen, bei uns ist jeder frei.“ Wobei es Blüher schon stört, „wenn einer, der im Februar eingezogen ist, im Oktober noch nicht einmal in der römischen Innenstadt war“.

Deswegen lenkt Blüher sanft, bietet Führungen an, Ausflüge in die Szene Roms und die Campagna Latiums, Begegnungen, Gelegenheiten zum Netz-Knüpfen eben. Und manchen weist er auf den rechten Weg zurück. Da habe es doch tatsächlich Künstler gegeben, die sich nicht mit dem traditionellen Rom einlassen wollten, sondern nur irgendwelche sozialen Brennpunkte besuchen wollten: „Aber das können sie überall haben, in jeder Stadt der Welt. Doch die einzigartige Qualität Roms, diese dreitausendjährige Kultur, die gibt es nur hier. Mit ihr muss man sich schon auseinander setzen.“

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