Kultur : Was Leiden schafft

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über

große Gefühle in der Literatur

Nach den Menschheitsthemen Krieg und Liebe letzte Woche diesmal etwas kleinere Brötchen: Freundschaft, Alltag, Frauen. Nur ohne die Liebe geht es nicht. Bei Alban Nikolai Herbst ist sie so heftig, das sie das „zivilisierte Gesetz durchbricht“. Der Maler Fichte, Sohn einer Nazigröße, und die junge Irene, eine „indischstämmige Deutsche“, verfallen in seinem Roman „Meere“ (mare) einander. Die Wellen und Strudel, die ihre amour fou auslöst, verschlingen und bringen neu hervor. TagesspiegelLiteraturredakteur Marius Meller befragt Herbst am 24.9. um 20 Uhr im Literaturhaus . Ganz und gar alltäglich wirkt dagegen der Stoff des neuen Buchs von Christa Wolf . Sie hat vierzig Jahre lang, von 1960 bis 2000, den 27. September festgehalten: „Schreiben als Widerstand gegen den unaufhaltsamen Verlust von Dasein.“ Eine blutleere Versuchsanordnung? Von wegen. Der Alltag ist in „Ein Tag im Jahr“ (Luchterhand) gar nicht alltäglich, er enthält nahezu die ganze Welt. Wolf liest am 24.9. erstmals in der Akademie aus dem Buch (20 Uhr).

Afghanische Literatur konnte es unter den Taliban in Afghanistan nicht geben. Sie wurde im Exil geschrieben. Die Literaturwerkstatt (jetzt in der Backfabrik!) stellt drei afghanische Autoren vor: am 25.9. die Lyriker Khaleda Niazi (Frankfurt am Main) und Latif Pedram (Frankreich), am 24.9. (jeweils 20 Uhr) Khaled Hosseini (USA), der in seinem Roman „Drachenläufer“ (Berlin) von der Freundschaft zwischen zwei Jungen erzählt, die unter dramatischen Umständen zerbricht, während der Krieg gegen die Sowjetunion beginnt. Einen „Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe“ (Hoffmann und Campe) offeriert am 25.9. Matthias Politycki im Buchhändlerkeller . Dessen kulinarisches Angebot wurde hoffentlich nicht dementsprechend erweitert. Denn das Titelgedicht ist ziemlich perfekt: Sein Titel weckt starkes lukullisches Interesse, die Zeilen danach ersticken es umstandslos: „Frauen. Naja. Schwierig. / Mitunter werfen sie, unaufgefordert, / die hauseigene Nasenwurzel, Wimpernwölbung, / jedenfalls Windmaschine an, / erzeugen wundervolles weißes Rauschen, / so dass man dabei unbemerkt / ihr Handgelenk betrachten kann, / die Halsschlagader, bis sie / ihre berühmteste Frage stellen."

„Geld oder Leben?“ heißt Birgit Vanderbeke s neues Buch (S. Fischer), das wie aus einer verschobenen Perspektive daherkommt: Die Erzählerin erzählt ihr Leben seit Mitte der Fünfzigerjahre mit einem staunenden Blick auf die Umgebung, die mal wie die Oma an Pfifferlinge und Hüte, mal wie die Eltern an Kein-Geld, dann an Geld glaubt. Eine ziemlich schräge Erzählung über Altbekanntes (25.9., Georg Büchner Buchladen , Wörther Str. 16; 26.9., Karstadt am Hermannplatz , jeweils 20 Uhr).

Zum Abschluss noch einmal die Liebe, jedenfalls ihr Ende, dem sich Jean-Philippe Toussaint in „Sich lieben“ (Frankfurter Verlagsanstalt) mit Hingabe widmet. Marie, die ein „unvergleichliches lacrimales Talent“ hat, vulgo: dauernd heult, und der Erzähler fliegen gemeinsam nach Tokio, um sich zu trennen. Mit Toussaint ist am 29.9. im Literaturhaus (20 Uhr) weinend zu lachen.

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