Kultur : Was machen wir heute?: Abends Mangold kaufen

Rainer Hank

Majoran sollte es sein. Und mageres Kalbfleisch. Der Vorgang liegt schon einige Tage zurück; heute würden wir das natürlich durch Putenbrust oder Hähnchenfleisch ersetzen. Als Gemüse hat das Rezept Mangold empfohlen. Alles nicht besonders exotisch. Der Einkaufszettel wäre auch nicht der Erwähnung wert, hätte uns die Begierde nicht am mittleren Abend bei leerem Kühlschrank gegen 21 Uhr überfallen.

Deshalb ist heute die Chance, endlich über unseren Edeka zu schreiben. Das ist, man verzeihe mir die Hymnik, der beste, schönste, tollste Edeka in ganz Deutschland. Aus welcher Not hat er mir nicht schon geholfen. Einen ganzen Leitartikel anlässlich der vorerst letzten Diskussion um das deutsche Ladenschlussgesetz hat er gestützt. Das Kalbsgulasch um 21 Uhr ist ja nur ein Beispiel. Hat man sich erst einmal an die Öffnungszeiten gewöhnt, findet man es ganz und gar selbstverständlich, dass dort von Montag bis Sonntag nahezu alle Konsumwünsche zwischen 7 (sonntags 8) und 22 Uhr erfüllt werden. Unser Edeka darf das nämlich. Denn er befindet sich im Bahnhof Friedrichstraße. Und dort kann nach den Bestimmungen des Ladenschlussgesetzes aller Proviant verkauft werden, den der Mensch für die Reise benötigt: Majoran, Mangold und Kalbfleisch eben.

Was uns an unserem Bahnhofs-Edeka besonders gefällt, ist die Tatsache, dass er nicht aussieht wie ein Bahnhofshändler. Er ist so gut sortiert, dass sich der eine oder andere Feinkostladen eine Scheibe abschneiden kann - mehrerlei Olivenöl, Baumkuchenspitzen oder frische gehackte Petersilie gibt es immer. Gemüse und Salat sind so frisch, wie wir es in den Galeries Lafayette noch nie erlebt haben. Und das Angebot der Süßigkeiten versetzt uns jedesmal in einen kleinen Rausch.

Zugleich bietet unser Edeka einen kleinen Einblick in die Business-Soziologie Berlins. Den Aktentaschen und Schlipsen nach zu schließen, wird nämlich nicht nur bei "FocusMoney", sondern auch in der RWE-Vertretung und den Rechtsanwaltskanzleien im Internationalen Handelszentrum an der Friedrichstraße länger als bis 19 Uhr gearbeitet. Selbst die bahnhofsüblichen Glatzen wirken hier irgendwie gepflegt. Mitleid haben wir nur mit den Verkäufern bei Dussmann. Denn die müssen auch bis 22 Uhr arbeiten und können danach nicht mehr bei unserem Edeka einkaufen. Doch ein Plädoyer für Öffnungszeiten bis 24 Uhr wollen wir deswegen (heute) noch nicht halten. Schließlich ist Berlin nicht New York. Immerhin dementiert unser Edeka das Argument, längere Ladenöffnungszeiten seien vom Kunden gar nicht gewollt, weil jederman bis 20 Uhr seinen Majoran bereits im Sicheren habe. Das, ich schwöre, stimmt nicht: Am Sonntag müssen sie manchmal angesichts des Andrangs den Eintritt sogar kontingentieren, weil andernfalls das Gedränge zu groß würde. Das scheint uns der beste Beleg dafür zu sein, dass Angebot und Nachfrage nicht ganz im Lot sind und die Stadt mehr von diesen Edekas vertrüge.

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