Was machen wir heute? : Abschied nehmen

Dorothee Nolte

Elternschaft, das heißt nicht nur Glück und Aus-der-Haut-Fahren, sondern auch: Wehmut. Wehmut überkommt das Elternteil zu bestimmten symbolischen Anlässen. Mich beispielsweise stimmt wehmütig, dass unser Jüngster die Kita verlässt. Er hat schon sein von den Erzieherinnen geführtes „Sprachlerntagebuch“ (O-Ton Lucas: „Sprachleintagebuch“) nach Hause nehmen dürfen, Am Freitag ist Abschiedsfeier. Und danach wird aus unserem verrückt-naiven Blondschopf Schritt für Schritt ein vernünftiger Mensch gemacht.

Wir werden das Kindergartenkind vermissen, das zur hüftoperierten Oma sagt: „Wenn du dir das nächste Mal einen neuen Knochen rein operieren lässt, ruf mich vorher an, ich will mir den Knochen ansehen!“ Das in fremden Häusern nicht gern allein auf Toilette geht: „Da hab ich Angst, mir wachsen lange Ohren!“ Und das beim Bummel auf der Fasanenstraße den edel gewandeten Restaurantgästen mit eisverschmiertem Mund zuruft: „Ihr habt's ja gut! Ihr könnt sitzen und wir müssen laufen!“ Nicht dass im Kindergarten alles schön war. Eine Weile lang hatte ein Kumpel Spaß daran, ihn zu ärgern. „Keyvan sagt immer Eierbubu zu mir!“ „Gemein!“ empörte ich mich – und dachte an die Ausdrücke, die Timmy aus der Schule mitbringt. Eierbubu! Rührend!

Auf die Schule freut sich Lucas wie verrückt. „Ich kann es gar nicht mehr erwarten!“ Sofort folgt der abgeklärte Kommentar des großen Bruders: „Freu dich bloß nicht auf die Schule, da gibt es keine Kuscheltiere, da wird nicht mehr gespielt!“ „Gar nicht mehr gespielt?“ wundert sich der Naivling – und findet sogleich eine Lösung, die zu seinem positiven Weltbild passt: „Es wird nicht mehr die ganze Zeit gespielt!“ „Genau“, sage ich energisch, bevor der große Bruder wieder das Wort ergreifen kann, „die Schule ist eine tolle Sache, da kannst du ganz viel lernen.“ Stimmt ja auch irgendwie. Mein süßer Eierbubu! Schnief. Dorothee Nolte

Abschiedsfeiern in Kitas und Schulen: zur Zeit überall.

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