Was machen wir heute? : Absteigen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann - in die Bunker der Stadt absteigen.

David Ensikat

BerlinDie 12-Uhr-Führung ist ausverkauft, für 14 Uhr bekommen wir die letzten Karten. Es geht den Menschen wie den Börsenkursen: Alle wollen nach unten.

In Berlin befindet sich der Eingang zur Unterwelt am U-Bahnhof Gesundbrunnen. Donnerstags bis Sonntags darf man da hinabsteigen in die alten Bunkerröhren, gruppenweise und mit Führer. Der trägt eine Weste in leuchtendem Orange und weiß lauter Dinge zu berichten, deren Wissenswert im Schauder besteht, den sie erzeugen.

Zwei Bunker sehen wir uns an, einen haben die Nazis in den Dreißigern gebaut, einen der Senat von West-Berlin in den Siebzigern. Der Nazibunker habe eine erstaunlich dünne Decke, lernen wir, man habe sie wohl wegen Geldmangels nicht dicker, also „bombensicher“ bauen können. Wozu dann der Bunker? „Zur Beruhigung“.

Der Senatsbunker befindet sich eine U-Bahnstation entfernt an der Pankstraße, der ganze U-Bahnhof samt Nebengelassen wurde zum „modernen Atomschutzbunker“ ausgebaut. Wie hübsch das klingt, und wie teuer das wohl war! Mehr als 3000 Menschen sollten hier unterkommen, Betten in vier Etagen auf dem Bahnsteig, Aufenthaltsräume in U-Bahnwagen, Klospülkästen, die locker angebracht sind, damit sich niemand daran aufhängen kann. Wozu auch? Zwei Wochen hätten hier unten alle überleben können. Ohne Atombombe. Mit Atombombe: einen Tag.

Wozu also dieser Bunker? „Zur Beruhigung“. Außerdem, so sagt der Orangebejackte, sollten die Menschen im Kriegsfall von der Straße, damit das Militär besser durchkommt.

Er hoffe, sagt der Führer ganz am Schluss, es hat allen gut gefallen, ja, hat es, sagen alle und spenden warmen Beifall.

Oben, am Gesundbrunnen gibt es Currywurst und Cola, sehr ungesund aber viel gesünder als Atomkrieg.
Tour 3 „U-Bahn, Bunker und Kalter Krieg“, Do - So 12, 14, 16 Uhr. Karten: Brunnenstr. 106 Internet: http://berliner-unterwelten.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben