Kultur : Was machen wir heute?: Adventskalender kaufen

Heike Jahberg

Wenn sich die Sonne hinter Regenwolken versteckt, der Wind die Blätter über Bürgersteige und Spielplätze weht und auch die letzten Biergartenstühle in den Winterschuppen verstaut sind, bricht die Zeit der Besinnlichkeit heran. Um sich über das miese Wetter hinwegzutrösten, flüchten sich große und kleine Leute Jahr für Jahr in dieselben Rituale. Mit der nachmittäglichen Finsternis kommen die Laternenumzüge, Nikolaus und Weihnachten. Und damit den Kindern die Wartezeit bis zum Fest der Feste nicht zu lang wird, schenkt man ihnen als kleines Appetithäppchen zum 1. Dezember einen Adventskalender.

Nicht so bei uns. Für uns ist der Adventskalender kein bloßer Lückenfüller, bei uns ist er eine Top-Attraktion. Deshalb haben wir jetzt schon den dritten aufgefuttert. Die Traditionalisten unter Ihnen werden sich nun voller Grausen abwenden, aber ich finde: Wenn wir Erwachsene uns Erdbeeren im Winter und Skiferien im Sommer leisten, warum sollen wir dann unsere Kinder zum Verzicht zwingen? Und wenn die Marktwirtschaft keine ganzjährige Versorgung mit Schoko-Kalendern zustande bringt, muss man sich eben über kleinbürgerliche, kulturelle Zwänge hinwegsetzen.

Romantiker schwören auf selbst gebastelte Kalender, wir nicht. Ja, ja, auch wir haben einst Säckchen an Schnüre gebunden, mit netten Kleinigkeiten für den Nachwuchs. Aber wenn das Ganze Sie finanziell nicht ruinieren soll, müssen die Gaben zwangsläufig bescheiden bleiben. Nicht jedes Kind bringt dafür Verständnis auf. Und auch die Schlumpfdorf-Idylle, die eine Freundin vor Jahren ihrer Tochter baute, stieß auf wenig Gegenliebe. Die Hütten und Häuschen des Schlumpfdorfs waren so winzig, dass außer Smarties, Haargummis und Anspitzern wenig hinein passte. Der Adventsspaß war verpfuscht, und das Kind hatte eine wichtige Lektion für das Wirtschaftsleben gelernt: Nicht die Verpackung ist wichtig, sondern der Inhalt.

Auch meine Süßen wissen genau, was sie wollen: "Lade". Kaum hing vor fünf Wochen der erste

Schoko-Kalender im Süßwarengeschäft, bettelten und quengelten Tom (fast sechs) und Linda (20 Monate) so lange, bis er endlich bei uns zu Hause stand. Der Kalender war teuer und vollgepackt mit großen Schokoladenfiguren. Die sahen hübsch aus, rutschten aber regelmäßig auf den Boden. Da für den, der die Türchen des Adventskalenders öffnet, nichts so frustierend ist wie eine leere Kammer, ist dieses Modell bei uns unten durch. Willkommen sind dagegen die schlichten Supermarkt-Exemplare. Zwar wirken die himmlischen Heerscharen auf diesen Billigkalendern mit ihren roten Nasen und glänzenden Augen auf mich immer stark angetrunken, aber den Kindern ist das egal. Hauptsache, hinter jedem Tor ist Schoko.

Tja, und nach Weihnachten? Dann beginnt meine große Zeit. Wenn die Läden ihre Restware auf den Markt werfen, kaufe ich Kalender en gros. Denn was gibt es Schöneres, als im Sommer an der Krummen Lanke einen Schokoschlitten zu verzehren?

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