Was machen wir heute? : Akazien preisen

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Christian van Lessen

Hat schon jemand das Hohelied auf die Akazienstraße in Schöneberg gesungen? Wenn nicht, dann will ich es tun, mit lauter Stimme und dem leisen Eingeständnis, dass ich als alter Schöneberger, der vor Jahren nach Zehlendorf auswanderte, viel zu lange über die Akazienstraße die Nase gerümpft habe. Ich hatte sie als grau und ärmlich und langweilig in Erinnerung. Nun gehe ich hier entlang und merke, dass ich nach dieser Straße süchtig werde.

Nach den vielen kleinen Geschäften, in denen es alles gibt: Feinkost aus Italien und Frankreich, interessante Kleidung, Designerware, Schmuck, Cafés, Bücher, Restaurants, ausgefallene, originelle asiatische Küche, auch karibische und und und. Ich bin verblüfft über alteingesessene Geschäfte wie die Sattlerei oder das Strumpfgeschäft, den Elektroladen oder die „Haarpflege“. Ich glaube, dass ich nur ein leer stehendes Geschäft gesehen habe. Wo gibt’s das sonst in einer Wohngegend? Unter den Akazien, die wohl Robinien sind – ich will mich da aber nicht streiten – flanieren Schöneberger, denen der Stolz auf ihre Gegend anzumerken ist. Es ist viel internationales Publikum unterwegs. Der Mann aus einem Designerladen sagt enttäuscht, hier kämen auch Leute vorbei, nur um zu spionieren und Kopien seiner Kunst billig in Asien produzieren zu lassen. Das mag für ihn schlimm sein, aber für die Straße ist es ein Kompliment. Auch die Architektur ist interessant. Das stuckverzierte Gründerzeithaus an der Ecke Grunewaldstraße gegenüber der Apostel-Paulus-Kirche ist eine Augenweide, die nur durch schrille Ladenwerbung getrübt wird. Oder die tolle fensterlose, mit Stuck versehene langgezogene Hausecke zur Vorbergstraße – so anheimelnd urban sind wenige Orte in Berlin. Die Akazienstraße scheint mir unterschätzt zu sein. Sie verdient es, berühmt zu werden – auch unter Zehlendorfern. Aber noch besser wäre es vielleicht, sie bliebe ein Geheimtipp. Christian van Lessen

Die Goltzstraße auf der anderen Seite der Grunewaldstraße kommt fast an die Akazienstraße heran. Sie bietet viel Abwechslung. Und Akazien.

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