Was machen wir heute? : Alles grün

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Was hat sich eigentlich schneller verändert: Baden-Württemberg oder Prenzlauer Berg? Letztes Wochenende gab es ein Pflanzfest in meiner kleinen Straße, bei dem die Nachbarschaft den Bürgersteig begrünte. Als ich auf der anderen Straßenseite am Beet saß und gerade die Biowürste auf dem Grill umdrehte, entdeckte ich beim Rübergucken, dass auf meinem Nebenhaus neuerdings Solardachzellen stehen; und aus der Nähe erkannte ich, dass an der Jeans meiner Lieblingsnachbarin ein Sticker gegen die Atomkraft prangt. Ich glaube, grüner wird’s nicht mehr um mich herum.

Ich hoffe das auch. Denn langsam wird es in meinem Kiez unheimlich mit der politischen Korrektheit. Eine Nachbarin aus dem ersten Stock soll zuletzt gefordert haben, dass das Café schräg unter ihr keine Raucher mehr zulassen dürfe. Im Freien wohlgemerkt. Schlichtungsversuche scheiterten bislang (soweit ich weiß, wurde Heiner Geißler aber noch nicht eingeschaltet), so dass der Nichtraucherschutz in unserer Straße von nun an auch unter freiem Himmel gilt. Ich weiß gar nicht, was ich jetzt machen soll, wenn ich mal Besuch bekomme und ich den zum Rauchen auf den Balkon schicken will. Kann ich das meiner Umwelt gegenüber noch verantworten? Und was ist eigentlich mit meinem Balkongrill? Darf ich den nur noch in der Wohnung in Betrieb nehmen? Oder müssen die Biowürstchen kalt bleiben, bis für sie ein Solarmodell entwickelt worden ist?

Zu unserem kleinen Pflanz- und Grillfest haben wir die Nachbarin – sie soll aus Baden-Württemberg nach Prenzlauer Berg gezogen sein – aus Rücksicht auf ihre Gesundheit nicht eingeladen. Beschimpft wurden wir trotzdem. Ein Mann, der vorbeilief, als wir gerade ein paar neue Sträucher um einen Straßenbaum herum pflanzten, raunte uns zu: „Wärt Ihr bloß auf eurem Dorf geblieben!“ Dann zog er seinen Dorfhund fort und führte ihn an den nächsten Baum. Robert Ide

Samenbomben zur Begrünung der Stadt gibt’s beim Aries Gartencenter; www.aries.de.

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