Was machen wir heute? : Als Spießer fühlen

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Gerd Nowakowski

Diese Kälte, da möchte man die Kinder doch am liebsten gar nicht zur Schule schicken. Nicht nur deswegen. Der Schnee liegt zehn Zentimeter hoch, die eisige Luft verbeißt sich im Körper, wenn der erste Schritt vor die Tür noch nicht einmal gemacht ist – und die Mädchen stürmen mit Halbschuhen zur Bushaltestelle. Mit Turnschuhen aus Stoff. Chucks. Darunter geht es nicht.

Vielleicht wären ein paar Flipflops besser geeignet, sagt der Vater sarkastisch. Haha, antwortet Tochter Franca, sehr witzig. Na ja, ich mein’ ja nur, wegen des Schnees, verteidigt sich der Vater. Wir haben keine anderen Schuhe, beteuern Franca und Lara. Moment mal, wundert sich der Vater, keine Schuhe? „Habe ich nicht gerade einen Schuhschrank gebaut, weil die zwei anderen Schuhschränke, das Schuhregal und die große Schuhschublade restlos voll sind – mit Frauenschuhen?“ „Ja“, sagt Franca, „aber nicht mit Winterschuhen!“

„Aber mit Stoffschuhen könnt ihr doch nicht auf die Straße gehen“, bettelt der Vater. Plötzlich fühlt er sich an seinen eigenen Vater erinnert. „Und wie du wieder aussiehst“, singen die Punkrocker „Die Ärzte“: „Löcher in der Hose, und ständig dieser Lärm – Was sollen die Nachbarn sagen? Und du warst so ein süßes Kind.“

An diesen Song muss der Vater denken, der den Mädchen gerade die Schulbrote gemacht hat, und seufzt. „Wir machen euch doch keine Vorschriften, was ihr anziehen müsst.“ Das kommt schlecht an. Von wegen, sagt Lara: Ihr habt einfach meine schwarzen Converse weggeworfen. „Die waren doch völlig zerrissen“, sagt der Vater.  „Und was war mit meinem Rock? Den durfte ich auch nicht mehr nehmen“, faucht die 15-jährige Franca.

Da schweigt der Vater. „Kann ich mal deine Karte haben?“, fragt am Abend die 18-jährige Lara. Sie meint die Kreditkarte. „Ich habe im Internet ein paar ganz tolle Schuhe gefunden. Winterschuhe.“ Da seufzt der Vater wieder. Diesmal aber anders. Und rückt die Karte raus. Gerd Nowakowski

„Junge“ vom Album der Ärzte „Jazz ist anders“, 2007, erschienen bei Hot Action Records

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