Was machen wir heute? : Alte Freundschaften pflegen

Andreas Austilat

Am Donnerstag war mir ganz klamm ums Herz. Das war, als dieser schwarze Wachmann mit der achteckigen Mütze mir freundlich aber bestimmt bedeutete, „Sir, Sie können hier nicht mit rein“. Wir haben uns also getrennt, der Junge und ich. Ich blieb draußen vor dem Eisenzaun, und er ist alleine rein, ins amerikanische Konsulat in der Clayallee.

Ich musste dann wahnsinnig lange warten. Genug Zeit, mir so meine Gedanken zu machen. Er wird uns verlassen, wird ein Jahr in den USA leben. Wo, weiß keiner so genau, das liegt wohl in der Natur des Schüleraustauschs, dass man die Gastfamilie oft erst in letzter Minute erfährt. Amerika ist groß, vielleicht kommt er auf eine Kartoffelfarm in Idaho oder hütet Schweine in Minnesota. Macht nichts, hat er gesagt, ist mal was anderes. Der gute Junge, er ist so tapfer.

Das Ansehen der USA ist in Deutschland übrigens auf dem Tiefpunkt, so stand es neulich in dieser Zeitung. Nur noch 30 Prozent der Deutschen haben eine gute Meinung von den USA. Das passt mir jetzt aber gerade gar nicht. Man stelle sich vor, die Amis lesen das auch, wer nimmt denn dann noch unseren Sohn? Ich seh’ sie richtig vor mir, in Idaho und Minnesota, wie sie sich so über die undankbaren Krauts aufregen. Hoffentlich tun sie ihm nichts.

Nach zwei Stunden kam er wieder raus. Und? habe ich ihn gefragt. „Super“, hat er gesagt, „waren alle wahnsinnig nett“, der, der die Visa-Unterlagen eingesammelt hat, der, der die Fingerabdrücke genommen hat, der, der das Interview geführt hat – Fingerabdrücke? Bei meinem Jungen? – egal, alle hätten ihm gratuliert. Es war sein 16. Geburtstag.

In drei Wochen beginnt übrigens wieder das deutsch-amerikanische Volksfest. War früher eine Riesensache, nirgends sonst bekam man Original Chicken Wings und derart fettes Eis. Inzwischen ist nicht mal mehr klar, wie lange dieses Fest noch gefeiert wird.

Wir sollten da unbedingt hingehen, irgendjemand muss ja mal ein Zeichen setzen.

Andreas Austilat

Das deutsch-amerikanische Volksfest beginnt am 27. Juli am Hüttenweg in Zehlendorf

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