Was machen wir heute? : Alten Bäumen zuhören

Brigitte Grunert

Gewiss, Berlin ist eine grüne Stadt. Doch wer weiß schon, dass hier uralte Bäume zu bestaunen sind. So ein Prachtexemplar steht am Rande der Rehwiese in Nikolassee, gleich an der Spanischen Allee. Kaum jemand, der an der Haltestelle Rehwiese auf den Bus wartet, ahnt wohl etwas von diesem Schatz.

Es ist eine mächtig dicke, ausladende Eiche, Drahtseile stützen das schwere Geäst. Nicht auszudenken, dass es auch sie hätte treffen können, als die Westmächte in der Not der Blockade 1948/49 anordneten, die West-Berliner Wälder fast gänzlich abzuholzen und auch jeden zweiten Straßenbaum zu verfeuern. Dank der Bürgerproteste kam es halb so schlimm.

Seit Jahrzehnten schon zieht es die heutige Rentnerin immer mal zu der Eiche. Von dort hat man einen reizenden Blick über die ganze Länge der Rehwiese. Die einst hochherrschaftlichen Villen zu beiden Seiten sieht man vor lauter Buschwerk und Bäumen kaum, und der Autolärm von der Spanischen Allee her klingt wie aus weiter Ferne.

Früher malte sie sich aus, welch ein hübscher Rastplatz die Bank im Schatten der Eiche bei Spaziergängen im Alter sein müsste. Bisher wurde nichts daraus, überhaupt sieht sie seit eh und je die Bank immer nur leer. Nun ja, eine schmale Treppe führt hinunter, immerhin 38 Stufen, und das kann für die alten Alten recht beschwerlich sein.

Vor ein paar Jahren blätterte die Rentnerin in einem Buch über seltene Bäume und war überrascht, ihre Eiche darin zu finden, das Alter mit etwa 250 Jahren angegeben. Du liebe Güte, vor 250 Jahren, das war die Zeit Friedrichs des Großen. Und die Eiche war ein Allerweltsbaum, als Friedrich Wilhelm II. seit 1792 die erste Chaussee von Berlin nach Potsdam bauen ließ. An den Ort Nikolassee war noch längst nicht zu denken, die Landhauskolonie entstand erst seit 1901. Bis dahin war die Rehwiese das Kuhfenn. Eine Villa am Kuhfenn? Das hätte sich nicht nach vornehmer Adresse angehört. So erhielt das Kuhfenn den poetischen Namen Rehwiese. Was doch ein alter Baum alles erzählen kann. Brigitte Grunert

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