Kultur : Was machen wir heute?: Am Strand wohnen

Rainer Hank

Kennen Sie das Knirschen? Wir Neuberliner kennen es, jedenfalls dann, wenn wir in Mitte wohnen. Aber da wohnen ohnehin die meisten von uns. Sie gehen also zu Hause über den Fußboden. Erst hört man es kaum. Dann ist es, als ob der Drummer ganz leise sein Solo beginnt. Es knirscht. Dass unterm Pflaster der Strand liegt, ist eine Zeile, die der Außenminister jetzt gerade wieder in Erinnerung gebracht hat. Aber unterm Parkett? War nicht gestern die Putzfrau da? Haben wir sie nicht als ganz und gar verlässlich und ordentlich kennen gelernt? Haben wir nicht, es ist schließlich Winter, die Schuhe vor der Türe säuberlichst abgestreift? Aber der Barfußtest beweist es ganz offensichtlich: Rabenschwarz.

Es ist feinkörniger, kleinstverteilter Sand, den wir nun seit Monaten nicht mehr aus der Wohnung bringen. Genauer gesagt, bringen wir ihn schon raus. Aber Stunden später ist er wieder drin. Er kommt durch Fensterspalten, er kommt durch winzige Ritzen der Wohnung, und er erinnert uns: Berlin ist immer noch eine Baustelle.

Im Sommer 1997, als wir noch nicht in Berlin sondern in Boston wohnten, hatte uns eine befreundete venezolanische Fotografin ihre Berlin-Serie mit dem Titel "The big hole" gezeigt. Sie war so aufgeregt, dass es eine Hauptstadt in Europa gibt, in deren Mitte sich ein großes Loch befindet. Dieses Loch existiert heute nicht mehr. Schließlich wohnen wir jetzt da. Und viele andere. Im Keller zum Beispiel, da ist das Bilderbuch-Startup-Unternehmen eingezogen, mit schicken iMac-Computern, vor denen die 25jährigen immer abends um elf Uhr noch sitzen. Und die Dorotheenblöcke sehen auch so aus, als seien sie bald fertig, damit unsere Vertreter bald ihre eleganten neuen Arbeitsräume beziehen können.

Aber leider nur bald. Leider bleibt es nicht beim leisen Knirschen, wenn aus einem Loch ein Regierungssitz wird. Wer das nicht glaubt, kann gerne mal zum Frühstück vorbeischauen. So gegen sieben Uhr. Nicht, dass Sie denken, ich würde aus großem Ehreiz gerne früh frühstücken. Eigentlich, ich gestehe es, bin ich eher ein Langschläfer. Aber das geht in Mitte nicht. Denn spätestens um 7 Uhr 30 bebt das Haus. Dann wird aus der Bude nebenan - Baujahr 1830, aber mehr oder weniger eben ein Loch - so ein rundum saniertes Haus, wie wir Neuberliner es lieben.

Dass mich beim Einzug die runtergekommene Fassade bei den Nachbarn nicht stutzig gemacht hat, ist meine eigene Schuld. Als dann die ersten aus Polen und Maghrebinern gemischten Brigaden morgens anrückten, dachte ich, das geht bald vorbei. Das war im Juni letzten Jahres. Ich habe doch unterschätzt, wie aufwendig so eine Totalsanierung ist. Und vom Baugewerbe verstehe ich, wie man sieht, auch nichts. Wenigstens kann ich diesen Tagestipp in den Kategorischen Imperativ des Neuberliners münden lassen: Achte bei der Wohnungssuche in Mitte nie nur auf den Zustand der eigenen, sondern stets auch auf den Zustand der angrenzenden Wohnungen.

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