Kultur : Was machen wir heute?: An die Zukunft glauben

Harald Martenstein

Das Kind möchte von Beruf Profi werden. Fußballprofi. Es hat versprochen, seinen Eltern von den ersten Millionen ein oder zwei Villen in Strandnähe zu kaufen, deshalb haben wir hochmotiviert nach dem idealen Verein gesucht. Den idealen Fußballverein erkennt man daran, dass er nett ist.

Der erste Verein war zu derb. Der zweite Verein war zu schlaff. Der dritte war arrogant, der vierte lag zu weit weg. Kurz, der ideale Fußballverein heißt Hertha 06 und hat seinen Sitz im Charlottenburg-Tiergartener Grenzgebiet. Die Kinder sind nett, die Trainerin ist überraschenderweise eine Frau (sehr nett), die Eltern sind, weniger überraschend, Männer und Frauen (supernett). Vorletzte Woche hat das Kind seinen Spielerpass gekriegt. E-Jugend.

Die E-Jugend von Hertha 06 hat nur einen einzigen Nachteil. Sie verliert jedes Spiel. Jedes. Die jüngere Geschichte der E-Jugend von Hertha 06 ist eine Kette von Desastern, typische Ergebnisse heißen 0:17 oder 1:9. Und das Kind? Es findet seine Mannschaft toll. Und wir schämen uns. Wie sehr Leistungsgesellschaft und New Economy und Fordismus und die Leitkultur und all dieses hochkomplizierte Erwachsenenzeug uns doch verdorben haben! Und was für prächtige Burschen es sind! Philipp, die Raubkatze in Knabengestalt, der am härtesten geprüfte Torwächter Berlins. Ohne Philipp würden wir doppelt so hoch verlieren. Unser Paolo dagegen kann dribbeln wie der junge Maradona. Er hat einen typischen, träge wirkenden, provozierenden Stil, mit dem er seine Gegner minutenlang austanzt. Leider gibt er nie ab. Nein, Paolo hat in seinem jungen Leben wahrscheinlich noch nie einen Pass gegeben. Aber ihm zuzuschauen - ein Genuss. Oder Milos, unser Sturmtank! Ich weiß nicht, warum sie verlieren. Solange kein Gegner auf dem Platz steht, spielen sie wie die Götter. Die Trainerin sagt: "Wir sind eben eine Mannschaft in der Aufbauphase."

Neulich war Hallenturnier. Hertha 06 spielte, wenn ich mich recht erinnere, 0:6 gegen die Sportfreunde Neukölln, 0:8 gegen den Berliner SC, 0:5 gegen Siemensstadt. Höhepunkte waren das hauchdünne 0:2 gegen ein gewisses Berolina und ein triumphales 1:4 gegen ein gewisses Vineta aus Mitte. Schon nach dem 0:2 waren die Jungs stolz. Dann fiel das Hertha-Tor. In der letzten Sekunde. Schuss, Tor! Sie umarmten sich, hüpften und strahlten und tobten und herzten einander. Ein Herr von Hertha 06 meinte später: "Ich weiß nicht, ob die Kinder das von der Moral her noch lange durchhalten, mit den vielen Klatschen." Tun sie aber, bisher. Die Moral stimmt. Dem Kind macht es nichts aus, zu verlieren. Es glaubt an die Zukunft. Aufbauphase! Wahnsinn.

Aber irgendwann sollte das mit den Millionen und den Villen klappen. Wir haben uns entschlossen, mit Hertha 06 in die erste Bundesliga durchzumarschieren. Von den Kellern der E-Jugend hinauf zum Olymp der Champions League. Wenn Sie mitmachen wollen - bitte sehr. Ein, zwei Klasse-Spieler würden wir auf dem Weg nach oben mitnehmen. Aber nur, wenn die Moral stimmt.

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