Was machen wir heute? : An Kriegstote erinnern

Plümper

Am Eingang des Friedhofes am Columbiadamm stößt der Rentner auf über 1500 Tonkissen mit den Namen der im Ersten Weltkrieg Getöteten. Ein einziges ist mit Plastikblumen geschmückt. Bereits 1812 bis 1815 wurde preußischen und französischen Kriegern hier gemeinsam das Grab geschaufelt. An die in Berlin 1870/71 gestorbenen französischen Soldaten wird ebenfalls erinnert. Ein Heimtransport der Toten aus den Lazaretten war damals nicht möglich.

An die Toten anderer deutscher Kriege wird mit gewaltigen Denkmälern erinnert. Vor den Toten des Ersten Weltkrieges senkt ein überlebensgroßer Bronzesoldat die Fahne. Die Granitpyramide zeigt die Spuren der Einschüsse des nächsten Krieges 1939 bis 1945. Auf der Rückseite zitiert die Kameradschaft der Fallschirmjäger das von den Nazis missbrauchte „Treue um Treue“, aber hat immerhin doch hinzugefügt: „Möge diese Glocke allzeit zum Frieden mahnen.“ Die Angehörigen eines Regiments, freiwillig in Deutsch- Südwestafrika, haben für ihre Toten einen Gedenkstein gesetzt. Wahrscheinlich waren sie 1904 bis 1907 an dem Völkermord an den Hereros beteiligt, denn die Bezirksverordneten von Neukölln erinnern direkt daneben an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia. Sie zitieren Humboldt: Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.

Weiter geht der Rentner, entlang an Denkmälern und den Tonkissen mit Namen der Kriegstoten. Ohne Grenze gehen die Gedenktafeln des Ersten in den des Zweiten Weltkrieges über. Der Rentner gehört zu der aussterbenden Generation, die als Kind den Krieg noch erlebt hat. Ihm fällt auf, dass zwischen soldatischen und zivilen Opfern nicht unterschieden wird. Alles, Denkmäler, Tonkissen, Grabsteine, wird überragt von einer riesigen Moschee. An Gräbern kommt der Rentner mit zwei Muslimen ins Gespräch, von fern schallt der Gesang des Muezzin. Doch davon vielleicht ein andermal. Plümper

Landeseigener Friedhof, Columbiadamm 122, Neukölln

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