Kultur : Was machen wir heute?: Anatomie studieren

Rainer Hank

In unserem Flur hängt ein hübsch kolorierter Panoramaplan der neuen Berliner Mitte - der besseren Orientierung in der unbekannten Umgebung wegen. Dieser Plan hat schon viele guten Dienste geleistet, etwa bei der Frage, wo um alles in der Welt das Palais am Festungsgraben sich befindet. Aber dieser Plan hat auch ein Geheimnis: Zwischen Friedrich-, Hannoverscher-, und Luisenstraße, oberhalb des Deutschen Theaters, gibt es eine unendlich große Fläche ohne erkennbare Struktur. Keine gliedernden Straßen und Plätze, kein Hinweis darauf, ob es sich beim überdimensionierten Zwischenraum um Ausläufer der Charité, Dependancen des Deutschen Bundestages oder eine Weiterführung des Dorotheenstädtischen Friedhofs handelt. Auch die Realitität lüftet das Geheimnis nicht: Wir sind doch schon häufig vor dem Deutschen Theater gestanden, durch die Luisenstraße geradelt oder die Hannoversche gegangen, doch wir können uns an keinen einzigen Eingang in das unbekannte Terrain erinnern. Militärisches Sperrgebiet? Ein letztes Quartier der Stasi? Die Fantasie des Westdeutschen schießt ins Kraut.

Gezielt - und für den schlimmsten Fall mit dem neuen Dehio über Berlin bewaffnet - haben wir uns jetzt zu einer Expedition in das Rätsel der Mitte aufgemacht. An der Ecke von Reinhardt- und Friedrichstraße tut sich plötzlich ein Einlass auf - und wirklich: Es öffnet sich eine Oase der Ruhe. Das Geräusch der Großstadt rauscht nur noch von ganz ferne, ein paar Kinder spielen auf den Wiesen, die Wege sind bedeckt von Herbstlaub, die Gebäude gezeichnet vom Verfall der Jahrhunderte. Einer Tafel im Park, deren Farben schon verblassen, entnehmen wir, dass es sich um tiermedizinische Institute der Humboldt-Universität handelt. Einige Gebäude sind aus Gründen der Sicherheit gar nicht zugänglich. Auch das Robert-Koch-Institut, das den nördlichen Teil des Parks abschließt, scheint uns ein wenig baufällig.

Das Herz der Anlage ist ein Kleinod von unerwarteter Schönheit: die ehemalige Anatomie der Berliner Tierarzneischule von 1790. Strengster Berliner Klassizismus, wie wir ihn selbst an Schinkels Neuer Wache nicht erkennen können. Die Tür - ein verwittertes Schild weist auf einen Hörsaal - ist verschlossen. Zum Glück finden wir Hilfe in unserem Dehio: Es sei, schreibt der Cicerone, eines der seltenen erhaltenen anatomischen Theater. Tatsächlich hat man den Hörsaal im Grundriss eines griechischen Theaters angelegt, der uns an die berühmte Anatomie in Padua denken lässt. Wo in der Tragödie der Mensch einen anderen darstellt, da ist er in der Anatomie als medizinisches Anschauungsobjekt nur noch er selbst. Dass in der Tiermedizin nicht Menschen, sondern Schweine und Mäuse vorgestellt wurden, gibt dem Ganzen zusätzlich einen ironischen Bruch. Dehio weiß, dass die Kuppel noch originale Malereien von Landleuten mit Haustieren zeigt. Ein wunderbar verwunschener Ort, mitten in der Stadt.

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