Was machen wir heute? : Andacht halten

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Es ist zwölf Uhr mittags und Zeit, sich zu erinnern. Zumindest in der Kapelle der Versöhnung, während draußen auf der Bernauer Straße der Verkehr braust, sitzen die Menschen drinnen still im Halbrund. Am Altar steht ein Mann, aber er ist kein Geistlicher, und dies ist auch kein Gottesdienst, wie man ihn sonst kennt. Der Mann liest nicht aus der Bibel, sondern aus dem Mauertotenbuch. 138 Namen und Biografien sind dort verzeichnet, allen ist gemeinsam, dass sie an der Berliner Grenze starben.

An diesem Tag ist die Andacht Günter Seling gewidmet, Unteroffizier in der Nationalen Volksarmee, stationiert an der Grenze zwischen West-Berlin und Teltow. Am 29. September 1962 erhält der damals 22-Jährige den Befehl, zu überprüfen, ob sich die Grenzposten ordnungsgemäß verhalten. An sich eine Routinemaßnahme, doch in dieser Nacht sind die Sichtverhältnisse schlecht, es ist neblig, und als sich Seling den Grenzern nähert, lädt einer von ihnen seine Maschinenpistole durch und schießt. Im Krankenhaus erliegt Seling seinen Verletzungen. Der Grenzer hatte ihn für einen Flüchtling gehalten.

Zehn Minuten spricht Dieter Operhalsky nur, aber es sind zehn Minuten, die nachwirken, das weiß Operhalsky aus eigener Erfahrung. Vor Jahren besuchte der Münsteraner auf einer Berlinreise selbst die Kapelle und hörte die Andacht für Cetin Mert, den West-Berliner Jungen, der am Vormittag seines fünften Geburtstags nahe der Oberbaumbrücke in der Spree ertrank, weil der Fluss an dieser Stelle zu Ost-Berlin gehörte und sich deshalb keiner traute, ihn aus dem Wasser zu retten.

Die Geschichte bewegte Operhalsky und als er hörte, dass Freiwillige gesucht würden, die bereit wären, ab und zu eine Andacht zu halten, meldete er sich. Seitdem kommt er zweimal im Monat extra mit dem Zug nach Berlin gefahren, wenn es Zeit ist, sich zu erinnern. Verena Friederike Hasel

Die Andachten finden von dienstags bis freitags um 12 Uhr in der Kapelle der Versöhnung, Bernauer Straße 111 in Wedding statt.

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