Was machen wir heute? : Aneinander trainieren

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Na, wie vertragen sich denn die beiden?“, lautet eine der am häufigsten gestellten Fragen. „Bestens,“ antworte ich dann. „Sie sind einander herzlich zugetan, aber zwischendurch kracht es immer mal wieder.“ Jan und Josefine würden das vermutlich bestätigen und die Augen leicht genervt verdrehen, wie Neunjährige das eben tun, wenn Erwachsene sich über Kinder unterhalten. Zwillinge – das ist Geschwisterliebe, Geschwisterzwist wie unter dem Mikroskop. Schließlich war der andere immer schon da. Bereits im Mutterleib ging es ums Vertragen und wer den meisten Platz bekommt. Die Vor- und Nachteile des Erstgeborenen, des Benjamins erlebt keiner von beiden. Oder vielleicht doch?

Für Jan macht es einen eminenten Unterschied, dass er mit zwei Minuten Vorsprung der Ältere ist. Josefine winkt lässig ab: „Darauf kommt es wirklich nicht an.“ Sie hat gut reden, denn gerne wird sie für die Ältere gehalten, wie überhaupt die meisten Mädchen ihres Alters den Jungen kräftemäßig überlegen sind. Von wegen schwaches Geschlecht. So gehört es gerade zu den liebsten Spielen, dass Josefine ihren Bruder durch die Wohnung trägt. Warnende Rufe meinerseits („Die wachsenden Knochen! Überhebt euch nicht!“) werden von Josefines rauem Gelächter und Jans begeistertem Kreischen übertönt.

Die Berliner Sozialpädagogin, Therapeutin und Coachin Ingrid Meyer-Legrand hat in einem klugen Interview mit der Zeitschrift „Zeitzeichen“ Geschwister als Ressource bezeichnet, als erstes Kommunikationstraining: wie man sich einigt und den Eltern verklickert, wo es langgeht. Solche frühen Sparringpartner ertüchtigen auch für das spätere Berufsleben. Jan und Josefine entwickeln bereits erste Strategien. Noch proben sie. Wie neulich, als sich beide in getauschten Kleidern an den Frühstückstisch setzten, Josefine hatte ihre Locken unter ein Cap gesteckt, Jan mit Luftschlangen unter der Mütze eine Mähne imitiert. Die Testphase ging bis Mittag. Die Auswertung dauert noch an. Nicola Kuhn

Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft. Berlin 11/2010.

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