Was machen wir heute? : Ansichten ändern

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Ich muss unbedingt mal wieder in die West-City, war wochenlang nicht da. Doch beim Ausstieg aus dem U-Bahnhof Wittenbergplatz bleibe ich erstaunt stehen. Wo ist die Gedächtniskirche hin?

Da kämpfen die Leute in Mitte (mit Recht) um die Rettung der Ahornbäume auf dem Gendarmenmarkt, die nach Ansicht der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher historische Sichtachsen stören. Hier aber ist meine gewohnte Ansicht schon jetzt ramponiert, eine Sichtachse zerstört. Das berühmte Wahrzeichen schrumpfte vor dem überragenden Zoofenster-Hochhaus zusammen. Ein markantes Fotomotiv in der City-West ist damit verloren gegangen.

Apropos: Wir alten West-Berliner sind sozusagen mit einem längst ausrangierten Postkartenbild unserer Stadt groß geworden, der Ecke Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße. An der Fassade des alten Eckhauses glitzerten Neonreklamen, die den Kurfürstendamm berühmt und neonversessene Lokalpatrioten stolz machten: Ein Mercedes-Stern glänzte, Graetz, Cinzano, Togal oder Nokia ließen hier ihr Licht leuchten.

Für mich war das damals eine wirkliche Weltstadt-Ecke mit einem Hauch von Piccadilly Circus. Wie überhaupt der Kurfürstendamm in den Nachkriegsjahrzehnten seine Lücken mit eindrucksvoll glitzernder Lichtwerbung wettmachte. Da gab es beispielsweise den wie von unsichtbarer Hand geführten Schriftzug auf dem Dach neben der einstigen Filmbühne Wien: „Pelikan, für jeden der schreibt“. Die Leute staunten.

Ich staune: nicht nur über die plötzlich aus den Augen verlorene Gedächtniskirche. Auch darüber, wie schmucklos und nüchtern das weißgraue Eckhaus Joachimstaler Straße 39/40 aussehen muss. Bis auf den mageren Schriftzug der russischen Hotelkette Azimut erinnert nichts an die einstige Leuchtkraft, die von diesem Boulevard im Westteil der Stadt ausging.

Und heute? „Werbeflächen zu vermieten“, kündet es vom Dach. Nicht nur bei dem Neubau, die Plakate hängen auch ein paar Häuser weiter. Und solange sich daran nichts ändert, mag ich an den viel beschworenen Aufschwung der City-West nicht glauben. Aber das ist wirklich Ansichtssache. Christian van Lessen

An historischen Fotobänden und Schilderungen über den Kurfürstendamm mit seinem einstigen Glitzerglanz dürfte es nicht mangeln. Leider ist das alles Nostalgie. Der heutige Kurfürstendamm ist im Vergleich mit anderen Weltstadt-Boulevards viel zu duster.

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