Was machen wir heute? : Anspruch erdulden

Anselm Neft

Die schmale Glastür scheint eher in ein unaufgeräumtes Wohnzimmer als in ein Geschäft zu führen, in dem der schwunghafte Handel mit Filmen blüht. Kaffeegeruch zieht durch den Raum. Drei Menschen mit viel Brille und wenig Haar sitzen um einen Tisch und diskutieren. Es fallen Wörter wie „neue Bildsprache“, „Vermeer- Lighting“, „Tarkowski“. Vorsichtig wie ein Fremder in einem buddhistischen Tempel schreite ich zur Ladentheke und spreche einen Herren an, dessen Augen dank eines schwarzen T-Shirts besonders wild leuchten.

Guten Tag. – Hi. – Haben Sie den Film „Departed“ mit Leonardo di Caprio?

Es beginnt ein Moment unangenehmer Stille. Selbst die Diskussionsrunde verstummt für ein paar Sekunden.

Ja, aber was willst du damit? – Ausleihen und anschauen. – Schlechte Idee. – Wieso. Ist der schon verliehen? – Nein. Er ist schlecht. – Echt? – Echt.

Der Glutäugige und ich sehen uns an, schweigend, intensiv, merkwürdig vertraut.

Ich versuche es weiter: Aber es gab zwei Rezensionen in der Süddeutschen, in denen... – Die Film-Rezensionen in der Süddeutschen sind zu 90 Prozent totaler Mist. – Aber das soll ein toller Mafia-Film sein. Immerhin von Scorsese. – Der Film ist Mainstream-Mist voller Klischees. Und Scorsese wird überschätzt. – Aber „Taxi Driver“! – Hat Scorsese nur produziert. Regie führte Paul Schrader. – Echt? – Echt. – Und jetzt? – Also, ich empfehle die „Pate“–Trilogie, oder den koreanischen „Old Boy“. Auch wenn „Der Pate“ die Mafia zu glamourös zeigt und „Old Boy“ logische Schnitzer enthält. Aber alles viel besser als „Departed“. Wenn du dich wirklich für die Mafia interessierst, geh’ ins Kino und sieh dir „Gomorrha“ an. – Aber ich wollte doch eine DVD ausleihen. – Nein, du wolltest einen guten Film sehen. Zumindest solltest du das wollen. – Äh, ja danke. Tschüss. Anselm Neft

Anspruchsvolle Videotheken: www.filmkunst–berlin.de (Revaler Straße 8), www.negativeland.de (Danziger Straße 41)

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