Was machen wir heute? : Antiquitäten reden lassen

Brigitte Grunert

Ach, es ist ein Kreuz mit den altertümlichen Staubfängern. Zum Hinstellen sind sie ungeeignet, für die Entrümpelung zu schade, also ruhen die Erbstücke im Keller wie der mächtige springende Steinbock aus weißem Porzellan und die entsetzlich schwere Kristallbowle samt Henkelgläsern.

Was sich so Antiquitäten nennt: Die Rentnerin fragt sich immer, wer all das Zeug von anno dunnemals kauft, aber interessant ist es doch. Sie sieht sich gern auf Trödelmärkten und in Antiquitätenläden um. Neulich war sie ganz hingerissen von einem Schaukelpferd, das einladend vor einem Lädchen stand, ziemlich ramponiert und sündhaft teuer. Sie kam auch gleich mit dem Händler ins Gespräch, und nun starrte sie wie elektrisiert auf einen filigranen schwarzen Schinkelteller aus Berliner Eisen. Aber 340 Euro? Nicht möglich!

Den gleichen Teller hat sie doch auch, und nicht etwa im Keller. Nur war er spottbillig, als sie ihn zu Mauerzeiten im Schloss Köpenick kaufte, im Ost-Berliner Kunstgewerbemuseum. Er kann keine 25 DDR-Mark gekostet haben. Sie wusste immer, dass ihr Schinkel-Teller ein nachgemachter war, DDR-Marke Lauchhammer, aber die Sache ließ ihr keine Ruhe. Also sprach sie mit ihrem Teller wieder bei dem Händler vor, und siehe da, beim Vergleich zeigten sich feine Unterschiede. Der Teller im Laden ist echt, aus der Zeit um 1840, sagte der Händler.

Kunsthandwerk und Schmuck aus Berliner Eisen waren ja im 19. Jahrhundert als „Fer de Berlin“ weltbekannt und eine „patriotische“ Mode. Karl Friedrich Schinkel entwarf für die Kämpfer der Befreiungskriege das Eiserne Kreuz. Prinzessin Marianne von Preußen rief 1813 die Frauen auf, ihren Goldschmuck gegen eine Brosche oder einen Ring mit der Gravur „Gold gab ich für Eisen“ einzutauschen (was sich im I. Weltkrieg wiederholte). Berliner Juweliere schmiedeten wunderbar filigrane Pretiosen aus Eisen. Doch gegen Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Mode zu verebben, und die Königliche Eisengießerei, 1804 gegründet, hielt sich nur bis 1874. Aufregend, was Antiquitäten alles erzählen. Brigitte Grunert

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