Was machen wir heute? : Auch mal die 68er tadeln

David Ensikat

Schuldzuweisungen an die Achtundsechziger scheinen wieder gefragt zu sein. Kai Diekmann, ein wichtiger Journalist mit viel Gel im Haar und Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung namens „Franconia“, die an ihren geselligen Abenden gern historischen Themen auf den Grund geht (etwa „Die verlorenen deutschen Siedlungsgebiete“), hat ein Buch geschrieben über alles, was in Deutschland so schiefläuft; man kann die Analyse etwa so zusammenfassen: Die Achtundsechziger sind schuld. Diekmann war 1968 vier, im besten Alter also, tiefe seelische Schläge vom Zeitgeist einstecken zu können. Auch deutlich jüngere Autoren haben sich vorwurfsvoll über ihre verlotterten linksliberalen Eltern geäußert. Das schickt sich derzeit so.

Ich wurde 1968 geboren, leider im Osten. Da waren die Eltern nicht linksliberale Täter, sondern gebeutelte Untertanen. An den Schädigungen waren nicht sie, sondern die Genossen schuld. Dass ich meinen Eltern heute keine zeitgemäßen Vorwürfe machen kann, nehme ich der DDR-Nomenklatur schon übel.

Da ich nun aber seit 17 Jahren der Bundesrepublik angehöre, Jahre, in denen einem auch schon eine Menge angetan werden kann, darf ich mich doch auch als Opfer der West-Achtundsechziger fühlen. Durch eine Umfrage der Zeitschrift „Freundin“ wurde mir das gerade deutlich. Sie bringt es heraus: Knapp die Hälfte der Deutschen glaubt, dass Frauen heute zu große Ansprüche an die Männer haben – 48 Prozent sehen Frauen als zu fordernd an.

Was habe ich neulich wieder hören müssen? „Dann bügel mal schön.“ Oder: „Der Müll. Nimmst du den bitte mit runter?“ Oder: „Ich schaff’s heute nicht, das Kind abzuholen. Machst du das?“ Ohne den 1968er-Zivilisationsbruch wäre das ja gar nicht denkbar gewesen. Also bitte schön, hier meine Anklage. Man will schließlich mitreden. David Ensikat

Besuchen Sie eine öffentliche Institution Ihrer Wahl, mittlere Führungsebene, wenden Sie sich an freundlich tuende Herren oder Damen ab 60. Die sind an allem schuld.

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