Kultur : Was machen wir heute?: Auf das Wirtschaftsleben vorbereiten

Heike Jahberg

Mama", sagte mein fünfjähriger Sohn Tom kürzlich, "warum sind wir eigentlich so arm?" Ich hätte entgegnen können, dass wir gar nicht arm sind. "Freilich", hätte ich sagen können, "wir haben kein Auto und kein Haus. Aber jeder von uns hat ein schickes Fahrrad, wir können uns täglich ein Schokoeis leisten, und wenn Du brav bist, bringt der Paketbote Dir auch noch die tolle Wasserbahn aus dem Versandhaus-Katalog".

Stattdessen habe ich die Gelegenheit ergriffen, Tom etwas vom wirklichen Leben zu erzählen. "Euch Kinder groß zu ziehen, kostet ein Vermögen", habe ich ihm gesagt, "eine Million Mark mindestens. Und das Kindergeld reicht hinten und vorne nicht. Deshalb müssen wir armen Eltern mit Eurem Geld an der Börse spekulieren, damit Ihr später mal studieren oder eine Würstchenbude aufmachen könnt."

Leider sind die Aktienkurse derzeit im Keller. Das gilt besonders für die vielen schönen Medienwerte, die Tom in seinem Bankdepot vereint, darunter auch die Berliner Filmfirma Senator Entertainment. Deren Aktien haben seit März vergangenen Jahres mehr als drei Viertel ihres Wertes verloren. Daher beschlossen Tom und ich, zur Hauptversammlung von Senator zu gehen. Dort wollte Tom das Rednerpult besteigen und Hanno Huth, den Film-Boss, zur Rede stellen: "Hanno", wollte er sagen, "gib mir mein Geld zurück".

Leider hatte er dann doch keine Zeit. Und so kam es, dass er seine anderthalbjährige Schwester Linda zur ersten Hauptversammlung ihres Lebens schickte, um Hanno Huth einzuheizen. Doch die Manager wissen ganz genau, wie sie die Kleinaktionäre umgarnen, umwerben und mürbe machen müssen. Erst gibt es Gummibärchen, dann - wie im Film "Chocolat" - Schokolade. Es folgt eine Ansprache des Aufsichtsratsvorsitzenden, und dann als Linda schon unruhig auf ihrem Sitz hin- und herrutscht, um endlich Huth mal so richtig ... - Sie wissen schon - wird noch ein Promofilm gezeigt. Der andere Kleinstaktionär im Saal, ein zehn Monate alter Junge, streicht zu diesem Zeitpunkt bereits die Segel und muss von seiner Mutter im Kinderwagen hinausgefahren werden.

Linda hält länger durch, aber auch nicht lange genug. Hanno Huths Rechtfertigung hören wir uns im Vorraum an, wo wir verzückt zusehen, wie zwei eindrucksvolle Büffets aufgebaut werden. Doch schade, schade: Weder für den Lachs noch für das Lamento reichen Zeit und Energie, Linda schläft ein.

Kleinaktionäre, so heißt es, seien dumm, verfressen und anmaßend. Dumm, weil sie ihr Geld den Unternehmen überlassen, anmaßend, weil sie dafür noch eine Dividende verlangen und verfressen, weil sie verköstigt werden wollen. Also wir sind geläutert, wollen jetzt nur noch das Eine. Deshalb sparen wir uns bei der nächsten Hauptversammlung das ganze Drumherum und kommen pünktlich - zur Eröffung des Büffets. Tom bringen wir dann als Andenken eine Hühnerkeule mit.

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