Was machen wir heute? : Auf den Sender gehen

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

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Woran liegt nur meine Radio-Leidenschaft? Vielleicht auch daran, dass ich mit dem Blick auf den Rias aufwuchs, schon aus nachbarschaftlichen Gründen die „Schlager der Woche“ in mich aufsog und jede Antenne auf dem Dach des Senders an der Kufsteiner Straße kannte?

Nachts, wenn ich mal nicht schlafen konnte, schaltete ich mein Kofferradio an, schaute aufs halbrunde Gebäude gegenüber und wünschte mich hinter die beleuchteten Fenster, um dort Platten aufzulegen. Donnerte es bei Gewitter über unserem Haus, horchte ich im Radio, ob es auch im Sender krachte. Gute Radiostimmen sind mir bis heute im Ohr, etwa die von Felix Knemöller, Gregor Rottschalk oder Friedrich Luft. Ich fand heraus, hinter welchen Fenstern John Hendrik seine legendäre Jazzsendung „Club 18“ aufnahm, mogelte mich sogar mal in die Jugendsendung „Treffpunkt“ („DT 64“ aus Ost-Berlin hörte ich allerdings lieber), war beeindruckt von der Studiolandschaft mit den Bändern und Tontechnikern, bekam nebenbei mit, wie ein Moderator sehr viel Wodka in sich hineinschüttete und doch ganz nüchtern sprach. Als vor ein paar Tagen der Heimatverein Steglitz zur Führung durch das Funkhaus des heutigen Deutschlandradios einlud, musste ich dabei sein. Freundlich führten uns die Radioleute durchs Haus, wir gingen ihnen im wahrsten Sinne von Stockwerk zu Stockwerk auf den Sender. Wir blickten ins Hörspielstudio, sahen modernste Technik, digitalisiert, computergesteuert, ohne irgendein Tonband.

Etliche junge Leute wuselten um uns herum. Im Konferenzraum, dem einstigen großen Sendestudio, in dem Hans Rosenthal Quizsendungen veranstaltete und das Rias-Tanzorchester probte, beantwortete ein Redakteur unsere Fragen. Vom Geist des alten Rias wehe hier längst nichts mehr, sagte er. Und ich, dem Neuen durchaus zugetan, fühlte mich mal wieder ziemlich alt. Christian van Lessen

Für Nostalgiker: Im Deutschlandradio Kultur am kommenden Sonntag, 31. Januar, um 8.05 Uhr wieder eine Rias-Sendung aus der Reihe „Aus den Archiven“: das Quiz „Allein gegen Alle“ mit Hans Rosenthal.

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