Kultur : Was machen wir heute?: Auf die Zukunft vorbereiten

Andreas Austilat

Der Junge ist jetzt neun. Höchste Zeit, langsam mit der Grundlagenforschung zu beginnen. Ich meine, er malt ganz nett und bastelt hübsche Sachen. Gerade hat er der Familie zu Weihnachten etwas getöpfert. Er treibt auch Sport und gewinnt die eine oder andere Urkunde. Aber jetzt müssen wir doch an die Zukunft denken. Und die liegt nun einmal eindeutig in der Wissenschaft.

Den ersten Versuch diesbezüglich haben wir schon vor einem Jahr unternommen. Da haben wir ihm ein Mikroskop geschenkt. Die Sache ließ sich ziemlich gut an. Voller Eifer hat der Junge alles Mögliche unters Objektiv gelegt. Ein Haar, einen Grashalm, Flusen vom Pullover. Irgendwann hat er es dann mit einer Ameise probiert. Dummerweise war das Tier gar nicht wirklich tot, wie wir alle angenommen hatten. Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, was das für ein Anblick ist, wenn eine Ameise 400-fach vergrößert nach Ihrem Auge greift. Bis heute hat er keinen Blick mehr in sein Mikroskop riskiert. Na ja, Biotechnologie ist auch nicht jedermanns Sache.

Für dieses Jahr hatte ich eigentlich einen Chemie-Baukasten vorgesehen. Die Werbung klang ganz fantastisch. "Weckt das Interesse an Chemie mit Zauber und Magie", hieß es da auf der Packung, und noch wichtiger: "Einstieg ohne jegliche Vorkenntnisse". Das wäre auch mir ein Stück entgegengekommen, immerhin liegt die letzte Chemie-Lektion ja schon ein Weilchen zurück. Wir haben dann aber doch die Finger davon gelassen. Zum Lieferumfang gehörten nämlich auch eine Schutzbrille und hitzebeständige Reagenzgläser. "Schutzbrille", "hitzebeständig", ich glaube Chemie ist ziemlich gefährlich. Und wer weiß, was uns der Junge nächstes Jahr zu Weihnachten gebastelt hätte.

Wir haben uns dann für Elektrotechnik entschieden. Der Baukasten heißt "Telefon & Co" und ist für Kinder ab neun. Telefone sind ja nun wirklich der Trend schlechthin. Und wer begreift, wie so etwas funktioniert, dem stehen doch alle Türen offen.

Der Kasten selbst ist im Prinzip ziemlich narrensicher. Auf den ersten Blick jedenfalls. Da gibt es kleine Tüten mit Kondensatoren, farbig markierten Widerständen, winzigen Leuchtdioden, und alles kann man zusammenstecken, einfach so, ohne Lötkolben. Funktioniert hat es dann trotzdem nicht. Wir haben so rum gesteckt und so rum, zwanzig Minuten lang, nichts, kein Mucks. Lass es uns morgen weiter versuchen, hat der Junge gesagt. Kam natürlich nicht in Frage. Wie steht man denn dann da, als Vater, wenn man solch einen Schüler-Experimentierbaukasten nicht in den Griff kriegt. Er ist dann ins Bett gegangen, wollte lieber lesen.

Nach gut einer Stunde hatte ich den Fehler. Ein klitzekleiner Widerstand war schuld. Und ich habe es herausgefunden. Jedenfalls hat das Telefon funktioniert, mein selbst gebautes Telefon. Schade, ich hätte es ihm gern vorgeführt, aber der Junge ist über seinem Buch eingeschlafen. Immerhin, er liest, das ist doch auch schon was.

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