Kultur : Was machen wir heute?: Auf Entdeckungsreise gehen

Lorenz Maroldt

Bevor sich Paul Bonin irgendwann in den achtziger Jahren von London aus auf den Weg nach Europa machte, ließ er in seinem Pass unter der Rubrik Beruf "Musician" eintragen. Seitdem ist er genau das: Musiker, und zwar in Berlin. Paul hat auf der Straße gespielt und in kleinen Clubs, in großen Hallen und - in Waschsalons. Ja, so fing es an: mit den Magoo Brothers unterwegs. Wenn die Polizei zwischen den rotierenden Trommeln auftauchte, um die mit Handzetteln und selbst gemalten Plakaten angekündigten Gigs zu stoppen, waren die sechs Stücke des Sets meistens schon gespielt. Paul an der Fender-Gitarre mit Mini-Batterie-Verstärker, dazu ein Kontrabass, ein Standschlagzeug, ein Saxofon, macht zusammen außerdem noch vier Stimmen, eine wilde Mischung aus Swing, Punk, Pop.

Einmal war sogar die ARD dabei, während der Funkausstellung. Die Magoos sollten in einem Wachsalon in Friedenau, den es heute nicht mehr gibt, die "Berliner Luft" spielen, und zwar live. Auf der Bewerbungskassette war ein harmloser Jazz-Standard, die Produzenten der Sendung erwarteten Weichgespültes. Das aber bekamen sie nicht. Sie hörten "America", ein hartes Rockabilly-Anti-Reagan-Stück, und dazu pogten ein paar Punks durchs Bild. Klaus Havenstein (Sport, Spiel Spannung), Moderator im Waschsalon, war verzweifelt, Sigi Harreis (Montagsmaler), Moderatorin im Studio, nach dem plötzlichen Abbruch der Übertragung entsetzt. Also, Jazz war das nicht.

Bis heute zieht Paul durch die Berliner Clubs. Er ist nicht Hotelportier geworden oder Lehrer, Webdesigner, Buchhalter oder Redakteur, sondern einfach Musiker geblieben. Neulich zum Beispiel spielte er mit seiner Band King Bastard (es muss so ungefähr die zwanzigste sein) in der "Trompete", der Bar von Ben Becker. Hier treffen sich Schöne und weniger Schöne, Promis, Halbpromis und Nichtpromis, Musiker, Maler und Anstreicher, letztere allerdings nur, wenn sie sich vorher umgezogen haben. Schlips kommt vor, ist aber nicht üblich, und wer den Kragen seiner Lederjacke hochklappt, die Haare nach hinten gelt, seinen kleinen Finger mit dem dicken Totenkopfring beim Tequilakippen abspreizt - ja, der könnte glatt mit Ben Becker selbst verwechselt werden, der des Nachts gerne mal bei sich reinschaut und dem Gitarristen zur Begrüßung die Hand küsst.

Ohne solche Clubs wäre das Leben in Berlin ziemlich trostlos, und ohne solche Bands wie King Bastard noch viel mehr. Es gibt viele davon, Clubs und Bands, man muss sie nur entdecken. Das kann allerdings Nerven und Geld kosten, weil - na klar, wie sollte es auch anders sein - hier und da fröhlich dilettiert wird. Doch dauert es nie lange, und dann ist wieder so ein Volltreffer dabei: eine Band, die es zwar vielleicht nie in die Charts schaffen wird, die es aber, verdammt noch mal, wirklich verdient hätte.

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