Kultur : Was machen wir heute?: Auf Euros beißen

Heike Jahberg

Manchmal bekommen die Kinder Post von der Bank. "Sehr geehrter Herr Jahberg", steht dann da, "ich bin Ihre neue Kundenbetreuerin, und ich würde mich freuen, wenn wir uns zu einem Gespräch treffen könnten." Weil Tom mit seinen sechs Jahren erstens nicht lesen kann und sich zweitens für Bankberaterinnen nicht die Bohne interessiert, passiert erst einmal einige Zeit gar nichts. Dann werden die Mitteilungen ungeduldiger: "Herr Jahberg, rufen Sie mich endlich an, damit wir über Ihren Fonds reden können."

Irgendwann rufen wir dann an und klären das Problem mit dem Fonds. Tom sind solche Dinge egal. Ob er arm ist oder reich, weiß er nicht. Sein gesamtes Vermögen schätzt er selbst auf 20 Mark. Und findet, das sei ziemlich viel. Immerhin bekommt man dafür 20 Kugeln Eis. Und wer sich 20 Kugeln Eis leisten kann, der kann nicht arm sein.

Was waren wir dagegen doch für Pfennigfuchser. Als typisches Mädchen der 60er leerte ich einmal im Jahr - zum Weltspartag - mein Sparschwein und trug die Pfennigstücke zur Sparkasse. Dann gab es einen Stempel im Sparbuch und zur Belohnung ein neues Sparschwein. Und ich fühlte mich reich und erwachsen. Heute wissen selbst die Kinder, dass das Sparbuch etwas für Loser ist. Und dass man das große Geld an der Börse macht - oder verliert. Selbst Tom kennt die Börse. Denn die kommt immer vor der Tagesschau und nervt ihn, weil er viel lieber Werbung gucken will.

Seit einigen Wochen jedoch ist alles anders. Geld ist plötzlich auch in den Vorschulklassen Thema. Und während Tom und Linda (fast zwei) bis zuletzt keinen alten DM-Schein richtig identifizieren konnten, haben sie die Euro-Noten bereits verinnerlicht: Seit Weihnachten knabbern sie Euro-Taler in Goldfolie. Ob der Euro hart oder weich wird, ist für sie also weniger eine volkswirtschaftliche als vielmehr eine kulinarische Frage.

Zugegeben, mir fällt der Abschied von der Mark sehr viel schwerer. Schon von den Scheinen der Vorgängergeneration mochte ich mich nicht ganz trennen. Doch jetzt kam mir meine Sammlung alter Banknoten mit einem Mal vorgestrig vor, ich beschloss, sie umzutauschen. Und weil die Kleinen noch niemals in den heiligen Hallen einer Landeszentralbank waren, nahm ich sie mit. Zur Einstimmung erzählte ich ihnen, wie groß und allmächtig einst die Deutsche Bundesbank war. Nach alledem erwarteten die Kinder wohl einen Palast voller Gold, stattdessen standen wir schließlich in einem schmucklosen Raum hinter einer langen Schlange von Menschen, die gebührenfrei ihre Urlaubsdevisen zurückgeben wollten. Ja, das war ziemlich ernüchternd.

Seitdem kommunizieren wir mit den Banken wieder per Post. Und haben eine Bitte: Liebe Bankleute, schauen Sie doch mal auf das Geburtsjahr Ihrer Kunden und geben Sie sich ein bisschen Mühe mit den Kleinsparern. Legen Sie in Ihre Briefe kleine Geschenke - Schokoeuros zum Beispiel. Damit auch die Kids von heute lernen, dass sich der Umgang mit der Bank auszahlen kann.

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