Was machen wir heute? : Auf Gesetze pfeifen

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Das Schöne an manchen gestrengen Gesetzen ist, dass man sie nicht so genau nehmen muss. Es fällt ja nicht auf, ob sich unsereiner danach richtet. Du lieber Himmel, da hätten die Behörden viel zu tun. Das schaffen sie einfach nicht, denn Personal ist teuer und folglich knapp. Immer, wenn ein Übel die Gemüter erregt oder gar ein Unglück passiert ist, tritt der Gesetzgeber auf den Plan und zieht die Schrauben an; strengste Überwachung wird angeordnet. Na und? Dabei bleibt es, meistens jedenfalls, und das kommt der Berliner Mentalität sehr entgegen. Uns kann nämlich keener, die Obrigkeit schon gar nicht!

Wer hält sich an Tempo 100 auf der Avus? Wer würde sich daran halten, wenn tatsächlich rigoros Tempo 30 in der ganzen Stadt eingeführt würde? Neulich hupte jemand hinter der Rentnerin, als sie beim Linksabbiegen an einer roten Ampel hielt (ohne Pfeil). „Kommt doch keener!“, schimpfte er lauthals. Oder nehmen wir die Hundehalter. Wer hat, wenn er mit Fiffi Gassi geht, Schippe und Beutel zur Hand, um die Spuren zu beseitigen, wie das Gesetz es befiehlt? Nach der Erfahrung mit dem letzten Winter wurde gesetzlich klargestellt, dass die Hauseigentümer für die Schneebeseitigung auf den Gehwegen verantwortlich sind. Gewiss doch, die Ordnungsämter kontrollieren das – soweit sie können. Viel ist es nicht damit. Nicht einmal vor Regierungs- und Parlamentsgebäuden wird ordentlich geräumt, der zuverlässigste Feger ist immer noch das Tauwetter. Beim nächsten Schnee werden wir garantiert wieder an der Bushaltestelle durch einen Schneeberg waten und über vereiste S- und U-Bahn-Treppen schlittern. Der Stadtreinigung wird das Streugut ausgehen, den Fluggesellschaften das Enteisungsmittel, alles wie gehabt. Von der Bahn nicht zu reden, die fährt immer im Chaos, auch bei Sommerhitze. Streng genommen müsste sie alle die ganze Härte des Gesetzes treffen.

Ach was, es soll Politiker geben, die sich sagen: Strafen bringen eh nichts, Hauptsache ein strenges Gesetz, das bestimmt jedermann anregt, das eigene Bewusstsein zu schärfen. Na schön, stört ja keinen. Brigitte Grunert

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