Was machen wir heute? : Auf Glühwein verzichten

Wie ein Vater die Stadt erleben kann.

Gerd Nowakowski

Weihnachtsmärkte sind dazu da, sich beim Bummeln gut zu unterhalten, manch netten Kram zu kaufen, auf den man ohne Weihnachtsmarkt nie gekommen wäre – und natürlich Glühwein zu trinken gegen die Kälte. „Nein, Papa, du trinkst keinen Glühwein“, sagt Tochter Lara kategorisch: „Auf dem Beipackzettel deines Hustensafts stand, man solle während der Einnahme Alkohol vermeiden.“ Und kauft sich selbst einen Becher des warmen, würzig riechenden Gebräus.

„Nein, auch nicht einen Schluck“, erstickt die 19-Jährige schon die Frage im Ansatz. Warum ist das Kind nur so streng, wie wird das erst sein, wenn die Eltern alt und klapprig sind, fragt sich bang der Vater, während sie an den Ständen vorbeiflanieren. Vor wenigen Jahren mussten die Eltern noch bangen, dass die Kinder im Trubel dieses Umwelt- und Kunstmarktes nicht verloren gehen, jetzt passen die Kinder schon auf die Eltern auf. Und während ein A-cappella-Chor erfreulich unweihnachtliche Melodien vorträgt, darf der Vater mit gütiger Erlaubnis der Tochter einen heißen Holundersaft trinken, der zugegebenermaßen auch ziemlich gut schmeckt.

Dafür hat die Tochter einen Stand entdeckt, an dem es „Lumumba“ gibt. „Oh, toll, das erinnert mich an Skifahrten mit der Schule“, sagt Lara. „Mit Schokolade.“ „Und Alkohol“, sagt der Vater. „Ja, aber nur ein bisschen.“ Das, merkt der Vater an, ist so was von politisch inkorrekt. Dunkle Schokolade und dann noch „Lumumba“ genannt, das ist nachgerade rassistisch und eine Verhöhnung aller Afrikaner, die den 1961 von der CIA ermordeten kongolesischen Präsidenten Patrice Lumumba als Vorkämpfer der afrikanischen Freiheit verehren, schimpft der Vater. Da staunt die Tochter. „Schmeckt aber trotzdem gut.“ Nicht alles, was gut schmeckt, muss man trinken, grollt der Vater. „Nein, du bekommst nichts“, sagt Lara. „Der Hustensaft ...“ Wie soll da eine Weihnachtsstimmung aufkommen, seufzt der Vater. Gerd Nowakowski

Umwelt- und Weihnachtsmarkt in der Sophienstraße in Mitte, Sonnabend 12 bis 21 Uhr, Sonntags von 11 bis 19 Uhr.

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