Was machen wir heute? : Auf zur gläsernen Glocke!

Lothar Heinke

Nur nachts hat sich die Schlange verkrümelt. Aber sonst ist sie da, Berlins Dauer-Wartegemeinschaft, mal lang, mal halblang, aber selten kurz. Hier hört man alle Sprachen der Welt, nur nicht Berlinisch (oder Berlinerisch?). Der Eingeborene scheint eine genetisch bedingte Aversion gegen Schlangen zu haben, deshalb kommt er nur selten her. Außer, die Familienbande möchte etwas erleben. Dann nimmt er ohne Murren selbst diese Schlange in Kauf, sie gehört irgendwie dazu, als spannungssteigernder Vorfreudeneffekt. Und am Ende der Exkursion steht das große Lob der Gästeschar.

Wenn Sie auf der Reichstagskuppel gleich zwei Erlebnisse haben möchten, dann kommen Sie nach 20 Uhr. Erstens ist die Schlange längst nicht mehr so lang wie am Tage, um diese Zeit könnte man es in 30, 40 Minuten schaffen, in den Bundestag rein und mit dem Fahrstuhl auf die Terrasse bis zur Kuppel zu kommen. Und zweitens: Ach, der Sonnenuntergang! Was für eine Stimmung, kurz bevor sie niedergesunken ist, fast wie in Heringsdorf. Andächtig stehen die Leute mit gezücktem Fotoapparat und warten auf den großen Moment; Sir Norman Foster, der Architekt, hat seine durchsichtige Käseglocke derart geschickt mit reflektierendem Glas ausgestattet, dass es Stellen gibt, an denen plötzlich zwei Sonnen zu sehen sind, das Original, wie es hinter dem Charlottenburger Rathausturm feurig im Meer versinkt, und eine runde rote Scheibe, die, so groß wie der Mond, am Himmel hängt. Das alles ist so romantisch, dass es bei den Jungmenschen von 2008 erotische Wellen und hauptstadtfreundliche Adrenalinstöße auszulösen scheint, jedenfalls küssen sie sich so unverkrampft, offenherzig und prüdelos, wie es unsereinem in seiner Jugend nicht eingefallen wäre, gschamig, wie man so erzogen ward. Zwei Millionen Besucher pro Jahr! Der Bundestag nimmt keinen Cent für das Erlebnis. Ach, du reicher Staat! Lothar Heinke

- Dachterrasse und Kuppel täglich geöffnet von 8 bis 24 Uhr, letzter Einlass: 22 Uhr.

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