Was machen wir heute? : Aufs Christkindli warten

Till Hein

Es weihnachtet in Kreuzberg! An der Bergmannstraße, rund um den Hotdog-Laden meines Vertrauens, stehen inzwischen mehr Tannenbäume als im Schwarzwald. „Bald kommt der Weihnachtsmann!“, rufen die Kinder. Bei uns in Basel kannte niemand diesen Herrn. Das Zustellungsmonopol für Weihnachtsgeschenke hat dort das Christkindli.

Anfang Dezember durfte ich immer einen Wunschzettel auf dem Balkon platzieren. Um den dritten Advent war der Zettel verschwunden. „Das Christkindli war da!“, sagte meine Mutter mit leuchtenden Augen.

Das Christkindli kann fliegen. Und es ist ein Mädchen – dachte ich. Ein elfenartiges Wesen mit Flügeln und sehr lieb. Am Heiligen Abend kommt es wieder in Basel vorbei, legt die bestellten Geschenke unter den Baum, zündet Kerzen an und entschwindet.

Als ich älter wurde, erklärte mir ein Mitschüler, das Christkind sei in Wirklichkeit der kleine Junge in der Krippe. Männlich, flügellos und in Windeln. Verwirrend. Inzwischen weiß ich: Der in der Krippe ist Jesus, Gottes Sohn. Er ist auch lieb, hat aber mit den Päckchen nichts zu tun. Meine Geschenke brachte weiterhin das Mädchen mit den Flügeln.

Hier in Berlin ist alles anders. Diese Stadt wird von einem Mann beliefert. Das Irritierende: Mit seinen rot-weißen Klamotten und dem Bart gleicht er haargenau unserem Basler Santiglaus. Der wohnt im Schwarzwald und fährt am 6. Dezember mit dem Rentierschlitten vor. Wenn man brav war, bringt der Santiglaus in seinem Sack Geschenke mit. Aber viel weniger als das Christkindli.

Der Santiglaus ist international tätig: In Berlin heißt er Nikolaus. Mein Verdacht: Auch der Weihnachtsmann ist der Santiglaus. Da die Anreise aus dem Schwarzwald so weit ist, wollte man in Berlin Synergien schaffen. Das Christkindli wurde weggespart. Und der arme Opa muss jetzt auch die Weihnachtsgeschenke schleppen. Berlin braucht dringend eine Geschenkelieferanten-Gewerkschaft! Till Hein

Gewerkschaften organisieren nicht nur Bahn-Streiks. www.verdi.de

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