Was machen wir heute? : Aufs Meer einstimmen

Lothar Heinke

Wer an die Küste reisen möchte, kann sich schon mal von Stimmungen einspinnen lassen. Dazu geht man zum Gendarmenmarkt, biegt in die Jägerstraße und kommt gleich vorn zur Nr. 55. Im ehemaligen Bankhaus residiert seit zehn Monaten die Berliner Dependance der Nolde-Stiftung Seebüll. Emil Nolde, einer der bedeutendsten Künstler des deutschen Expressionismus, lebte und arbeitete zwar in der Weite des Marschlands der Nordseeküste in Seebüll, aber im Winter zog es ihn nach Berlin. „Wir waren gern dort, das Besondere der Großstadt suchend, das künstlerisch Beste.“

Nun ist er also hier angekommen in diesem modernen, weitläufigen, lichten „Museum“, aber das ist nicht das rechte Wort, vielleicht ist es mehr ein Atelier oder eine intime Ausstellungshalle, jedenfalls zeigen sie hochsommerliche Heimatbilder: „Das Elternhaus im flachen Land, mein Land, darüberhin die tausende Lerchen jubelnd auf- und niederschwebend, mein Wunderland von Meer zu Meer.“ Und so sieht man alles, was vor und hinter den Deichen liegt: Wasser im fahlen Sonnenlicht, manchmal erdrückt von wuchtigen Wolken in unheimlichen, unwetterwüsten Farben, dann wieder die weiten Wiesen und gelbe Felder mit fleißigen Menschen, der glühend rote Abendhimmel, als ob die Stadt in Flammen steht: 1945 hat der Meister dies gemalt. „Die Farben der Blumen zogen mich unwiderstehlich an und plötzlich war ich beim Malen...“ Und so prall, so krass, dass „die Farben mit mir jubeln und weinen“. Den Roten Mohn malt ihm so schnell keiner nach.

Wer den Abstand von 30 Zentimetern zu den Bildern nicht einhält, wird sofort von einem drohenden Sirenenton zur Ordnung gerufen. Dennoch kann man einiges mitgehen lassen, wenn man es vorher gekauft hat: Bücher, Plakate, Servietten mit Noldes Signum, Seidentücher in den Malfarben Blau, Rot, Rosa, bittere Mohn-Schokolade und – Likör von den Blüten der Dahlien in Noldes Garten in Seebüll. Mit Bio-Zertifikat. Lothar Heinke

Bis 31. August, 10 bis 19 Uhr, 6 Euro.

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