Was machen wir heute? : Augen schonen

Anselm Neft

Zur Zeit habe ich einen schweren Rückfall. Nachdem ich monatelang glaubte, ich sei aus dem Gröbsten raus und stark genug nur ab und an ein bisschen zu lesen, lese ich mittlerweile wieder Kette. Es beginnt vielleicht mit einer achtlos betrachteten Plakatwand, ich muss den Satz auf einem Plakat unbedingt studieren, und den auf dem Plakat daneben und alle anderen Aufschriften auch, egal wie viele Bahnen ich verpasse. Gebrauchsanleitungen, Müslipackungen, T-Shirt-Aufdrucke – ich brauche sie, ich lese sie. Am liebsten aber lese ich Bücher. Bücher mit richtigen Geschichten drin, denn eigentlich ist die Lesesucht eine Sekundärsucht. Ich bin geschichtensüchtig. Es klingt harmlos, ist es aber nicht. Liest man ständig gute Geschichten, kann man sich bald kaum noch normal unterhalten. Beim Gesprächspartner vermisst man die Spannungsbögen in der Konversation, man selbst redet zunehmend artifizieller, was nicht bei allen beliebt ist. Und nicht nur Sozialkontakte leiden – auch die Augen. Immer häufiger hüpfen mir die Buchstaben vor den Augen, immer öfter laufen Tränen, es begleitet mich ein leichter Kopfschmerz, der nach acht, neun Stunden Lesen zur Migräne anschwillt. Zwar besitze ich hervorragende Hörbücher, auf denen Thomas Holtzmann von der Odyssee oder vom Holzfällen á la Thomas Bernhard berichtet, aber ich kenne die Geschichten auswendig. Denn wenn ich krank bin, also etwa zwölf Mal im Jahr, oder mich unpässlich fühle, also etwa zweimal die Woche, lege ich den Holtzmann ein. Neue Geschichten müssen her. Ohne wenn und aber, auch ohne selbst lesen und ohne Holtzmann. Gut, dass in Berlin an jede Sucht gedacht ist. Es gibt Lesebühnen mit so schönen Namen wie „LSD – Liebe statt Drogen“. Oder die „Samstagsshow“, wo nette Menschen kleine Geschichten vortragen. Dort soll es warm und kuschlig sein, und vielleicht finde ich dort ja etwas über die Ursache meiner Sucht heraus, oder treffe zumindest andere Betroffene. Anselm Neft

www.samstagsshow.de. Jeden dritten Samstag um 21 Uhr in der Z-Bar, Bergstraße 2.

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