Kultur : Was machen wir heute?: Aus der Hand lesen

Katja Hübner

Die letzte Woche war voller Stress. Ich hatte Besuch von Linas aus dem litauischen Kaunas. Linas weigerte sich vehement, mit mir Russisch zu sprechen. Wir versuchten es mit Deutsch, obwohl sein deutscher Wortschatz ziemlich begrenzt ist. Es dauerte dann auch immer ein Weilchen, bis ich ihm die Bedeutung für ihn neuer Begriffe erklärt hatte. Schließlich habe ich ihm vorgeschlagen, meinen Kiez kennen zu lernen. "Kiez?", hat er mich gefragt, während wir so auf dem kaputten Pflaster meiner Straße entlangliefen, "was ist Kiez?". Ich war noch dabei, mir eine möglichst wortarme Erklärung im Kopf zurechtzulegen, als meine Bekannte Edda um die Ecke bog. Sie war auf dem Weg zu Uschi und lud uns ein, mitzukommen. Uschi führt eine Boutique mit dem Namen "La Bohème". Hier gibt es Kleider, Röcke, Taschen, Hüte und modische Accessoires aus erster und zweiter Hand. Vor ihrem Geschäft steht eine kleine, hölzerne Bank, umgeben von Grünpflanzen, auf die am Nachmittag die Sonne scheint. Wir setzten uns und redeten über dies und das. Etwas später öffnete sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Tür vom Weinberg, einer exzellenten Weinhandlung, und mein Nachbar Gernot trat heraus. Mit einer Flasche Wein in der Hand. Er sah uns und eilte herüber. Wir holten Gläser und Stühle, denn mittlerweile war es auf der Bank zu eng geworden. Eine treue Kundin von Uschi hatte sich auch noch zu uns gesellt. So saßen wir, bis die Sonne unterging und Heidi kam. Heidi ist Handleserin. Seit 15 Jahren hat sie sich der Magie verschrieben und damit Menschen entweder überrascht, fasziniert oder durcheinander gebracht. Frei nach Stefan Zweig - am meisten verrät sich der Mensch durch seine Hand - malt sie mit farbigen Stiften für uns unverständliche Zeichen auf die Hände. Dazu stellt sie ein paar Fragen und sagt gerade heraus, was sie sieht. Dich, deine Vergangenheit, deine Zukunft. Manchmal wird ihre Handleserei sogar zu einer Art Lebenshilfe. Man sagt, dass schon einige Leute nach einem Besuch bei Heidi ihr Leben verändert haben sollen. Ab und zu liest Heidi auch in der Boutique aus der Hand. Dann kann man sich für dreißig Mark eine halbe Stunde lang von ihr erkunden lassen, dabei einen Kaffee trinken und sich danach ein neues Oberteil zulegen - so etwas kann ja durchaus ein erster Schritt ins neue Leben sein. Als Heidi mir an jenem Abend aus der Hand las, hat sie mich wirklich verblüfft. Spätestens nach ihrer Frage "Haben Sie Knieprobleme?", die habe ich nämlich wirklich, war mir das Ganze irgendwie unheimlich. "Was ist denn nun ein Kiez", wollte Linas auf dem Heimweg immer noch wissen. "Na Uschi, Gernot und Heidi", habe ich ihm gesagt, "das ist Kiez."

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