Was machen wir heute? : Bahnarbeiter beobachten

Wie ein Rentnerdie Stadt erleben kann

Lothar HeinkeD

Der Fahrstuhlführer kommt gar nicht dazu, die Vorzüge seines Lifts zu preisen, so schnell geht das. In zwanzig Sekunden mit dem schnellsten Aufzug Europas 100 Meter hoch, Berliner Tempo. Flugs stehen wir unter den goldenen Zinnen des Kollhoff-Hauses, jenes roten Klinkerbaus Potsdamer Platz 1. Leider haben sie gepfuscht, jede Fuge muss erneuert, verfestigt werden, das Haus ist halb eingerüstet, die ganze Südseite zum Beispiel, und dafür gibt es einen kleinen Preisnachlass am Eingang und eine Entschuldigung, bis 2010 wird die Behinderung der Sicht noch dauern.

Heute ist es fast windstill. Am Westhorizont markieren die weißen runden Türme der alten Horchstation den Teufelsberg, ganz am Ende der trägen Stadt, die wie im Sonntagsschlaf unter uns liegt. Wo in der nahen Ferne von Schöne- oder Prenzlauer Berg die roten Dächer im Gewirr der Straßen und Häuser dominieren, sind es zu unseren Füßen, nur durch ein Gitter getrennt, grüne Oasen, bepflanzte Flächen, geradezu einladend als Dachgärten für die Mittagspause der Menschen, die da in Daimlers und Sonys Behausungen sitzen und schwitzen. Das mit dem Schwitzen möchte man schon gern genauer wissen, wenn der Alltag der Damen und Herren im gewaltig gerundeten gläsernen Turm der Deutschen Bahn sichtbar wird. Eine telefoniert, eine andere bearbeitet die Tastatur ihres Computers, man sieht graue Bildschirme, schwarze Bürostühle, viele unbesetzt, es ist wie der Blick in ein Aquarium, nur noch weniger spannend. Was soll da schon sein? Sie arbeiten eben, keiner popelt. Da haben die aufgeschichteten Bierkästen mit dem sichtbaren Logo eines sächsischen Hofbräugesöffs schon einen Seltenheitswert, mitten in diesem großen Glashaus, in das man sich nicht gerade hineinwünscht. Aber: Wer demnächst mal wieder über Berlin meckert, der sollte hier heraufkommen: Mensch, ist diese Stadt schöööön! Lothar Heinke

Potsdamer Platz 1, täglich 11 bis 20 Uhr. www.panoramapunkt.de

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