Was machen wir heute? : Becken I queren

David Ensikat

Man kann sagen, dass Berlin und ich alte Bekannte sind. Seit meiner Geburt kennen wir uns, ich habe Berlin nie wirklich verlassen. Die paar Wochen, die ich mal weg war zwischendurch, hat mir Berlin nicht übel genommen. Jedenfalls hat es sich nichts anmerken lassen. Berlin könnte alles von mir wissen.

Andersherum muss ich sagen: Berlin ist zwar auch nie weg, aber wirklich kennen tue ich es bis heute nicht. Das hat nichts mit Desinteresse zu tun, aber vielleicht schon mit eingefahrenen Verhaltensweisen, Alltagstrott. Ich bin da gar nicht frei von Schuld. Man hat seine Wege, auf denen hält man gar nicht mehr die Augen so weit offen wie noch in jenen Tagen, da man einander neu war. Man meint, den anderen zu mögen, also auch zu kennen, dabei nimmt man nur einen winzigen Ausschnitt des komplexen Gegenübers wahr.

Und dann gibt es Situationen, in denen geschieht etwas Unvorhergesehenes, und man erlebt den anderen von einer neuen Seite. Wenn es gut geht, handelt es sich um eine Facette, die einen dem Partner näher bringt. Da war vor etlichen Jahren der Mauerfall, und Berlin hat sich mir völlig anders, farbig nachgerade, dargeboten. Schön war das.

Jüngst ist uns ein Streik geschehen. Auch er ließ mich Berlin erleben, wie ich es nie erlebt hatte. Ich musste zum Flughafen Tegel, und benutzte das Fahrrad, denn die Busse fuhren nicht, und die Taxis standen allesamt im Stau. Wedding! Ich verfuhr mich. Abwesend wirkende Menschen mit großen weißen Schuhen, Schirmmützen und fremdem Akzent konnten mir den Weg nicht weisen. Ich querte den Westhafen, Becken I, Speicheranlagen, Lastkraftwagen mit Fahrern ferner Herkunft, die breite Beusselstraße mit links und rechts gar nichts, den schnurgeraden Hohenzollernkanal mit einem Polizeiboot darauf, sonst nichts, den Saatwinkler Damm, diese zugeparkte Einöde, die an die JVA Plötzensee grenzt. Ich weiß noch nicht, was das diesmal mit Berlin und mir gemacht hat. Es ist schwierig. Aber wir müssen einander ja akzeptieren wie wir sind. Denn Trennung kommt überhaupt nicht in Frage. Wo sollte ich denn hin? David Ensikat

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