Was machen wir heute? : Becketts Bücher lesen

Jochen Schmidt

Im Dezember 1936 trifft der irische Autor und spätere Nobelpreisträger Samuel Beckett in Berlin ein, wo er drei Monate bleiben wird, die meiste Zeit in einer Pension in der Budapester Straße. Sein Tagebuch aus dieser Zeit ist von den Erben nicht zum Druck freigegeben, aber Erika Tophoven hat es studiert und jeden seiner Schritte rekonstruiert.

Beckett, der 1931 seine Uni-Karriere abgebrochen hatte, war als Schriftsteller noch völlig erfolglos. Aber mit eiserner Disziplin arbeitet er ein beeindruckendes Besuchsprogramm ab. Nicht nur, dass er sich hervorragend Deutsch aneignet, er geht auch dutzende Male ins Museum, wo er manchmal eine Stunde vor einem einzigen Bild verbringt.

Er kauft Schreibutensilien im KaDeWe und wandert stundenlang durch Stadt und Umgebung. Akribisch notiert er jeden seiner Spaziergänge, die das Buch wiederum rekonstruiert und mit alten Stadtplänen, Theaterprogrammen und Fotografien aus der Vorkriegszeit bebildert. „How the prospect between Altes Museum & Schloss is ruined by the awful 1900 Italian Barock Dom“, schreibt Beckett. Den Pergamonaltar empfindet er als „scheußliches Machwerk“. Essen war für ihn eine lästige Notwendigkeit, er isst im „Franziskaner“ am Bahnhof Friedrichstraße. Damals gab es im Romanischen Café einen eigenen Zeitungskellner und dreimal täglich wurde die Post ausgetragen. Aber natürlich waren die Nazis an der Macht. Er beschwert sich über die alle vier Wochen verordneten „Eintopf-Sonntage“, die unter dem Motto standen: „Am Sonntag Pflicht – Eintopfgericht“. Die Sprachpolitik der Nazis verwirrt den Fremden, Bierlokale werden in „Bierstuben“ umbenannt, und die Pension hieß „Fremdenheim“. Dort hängt Beckett zu Weihnachten seine Bierflaschen an Hosenträgern zum Kühlen aus dem Fenster. Am 8. Januar 1953 wird „Warten auf Godot“ uraufgeführt, ein Welterfolg. Acht Monate später kommt das Stück nach Berlin. Jochen Schmidt

Erika Tophoven „Becketts Berlin“, Nicolai-Verlag, 24,90 Euro

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