Kultur : Was machen wir Heute?: Bedrohte Arten suchen

Britta Wauer

Wer gerade auf Wohnungssuche ist und echte Berliner Nachbarn als persönliche Bereicherung ansieht, sollte sich mal am Helmholtzplatz umsehen. Diesem Ort im Prenzlauer Berg, nördlich der Eberswalder Straße, gehört nämlich die Zukunft. Sie gehört ihm schon eine ganze Weile, aber inzwischen ist davon sogar etwas zu spüren.

Wie in den meisten attraktiven Wohngegenden haben sich ein paar stattlich renovierte Häuser mit gut frequentierten Kneipen um eine grüne Oase gereiht. Das Besondere am Helmholtzplatz aber sind seine Anwohner: Sie sind noch so echt wie damals, als Prenzlauer Berg eines der am dichtesten besiedelten Arbeiterviertel Europas war.

Heute wird Prenzlauer Berg von Szenetypen, jungen Eltern und vermutlich 80 Prozent aller deutschen Schauspieler bevölkert. Aber entgegen der landläufigen Meinung, Prenzlberg sei schon immer Heim der Intellektuellen und Kreativen gewesen, war dort vor allem der wahre Berliner mit seiner ungezähmten Schnodderigkeit zu Hause. Vor zehn Jahren hätte diese Wohnanschrift sogar betretenes Beileid auslösen können, galt der Stadtbezirk doch allgemein als "Außenklo der DDR": Nur wenige Wohnungen hatten Heizung und Badezimmer, die Bewohner bezeichnete man im DDR-Jargon gern als "asozial" und "arbeitsscheu".

Wer wissen möchte, welchem Menschenschlag diese wenig schmeichelhaften Worte galten, wird ihn nicht am Kollwitzplatz finden. Seit der durch Clintons Besuch als First-Class-Adresse in keiner Touristenführung mehr fehlt, bedarf es alternativer Ausflugsorte. Der Helmholtzplatz ist dafür ideal. In der Schliemannstraße, die vom "Helmi" durchtrennt wird, begegnet man vermehrt Menschen mit losem Mundwerk und Hunderassen, die seit ein paar Wochen auf dem Index stehen. Doch der echte Bewohner Prenzlbergs gehört zu einer bedrohten Art.

Neben den gemütlichen Kneipen, in denen bis vor kurzem auch Bestsellerautorinnen als Kellner jobbten, haben sich schon erste Restaurants der gehobeneren Preisklasse angesiedelt. Das "Drei", Restaurant, Bar und Lounge in einem, heißt wahrscheinlich so, weil es genau noch drei Jahre dauern wird, bis auch der Helmholtzplatz in jedem Reiseführer steht. Schon jetzt lockt das Lokal die gesittete Klientel ins unterkühlte aber exzellente Flair zu "kalifornisch-panasiatischer" Küche.

Bei den echten Prenzlbergern haben Lokale, die sich der deutschen Esskultur widmen, bessere Chancen. Zum Beispiel die an der Dunckerstraße gelegene Eckkneipe mit dem schlichten Titel "Thüringer Stuben". Hier lässt sich der alteingesessene Bürger Bratwürste und Klöße schmecken und schaut skeptisch auf die neuen Nachbarn, die sich gerade etablieren. Mit ziemlich gerissenen Tricks übrigens: Vor kurzem wurde ich zu einem "Logistik-Workshop" eingeladen. Dahinter verbarg sich nichts anderes als ein Umzug an den Helmholtzplatz.

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