Was machen wir heute? : Bei Onkel Philipp spielen

Wie ein Ost-Berlinerdie Stadt erleben kann

Jochen Schmidt

Viel zu selten hat man als Museumsbesucher bei einem Objekt die Gelegenheit zu sagen: „Das hatte ich auch mal“. Ein Ort, der diese Erfahrung erlaubt, ist Onkel Philipps Spielzeugwerkstatt, wo das barocke Stilprinzip des Beau Désordre umgesetzt wird. Jeder Winkel ist vollgestopft mit gebrauchtem oder neuem Spielzeug.

Man sollte allerdings ohne Kinder kommen, wenn man sich in Ruhe einem speziellen Raum widmen will, in dem DDR-Spielzeug ausgestellt oder zum Verkauf angeboten wird. Der ganze Plastekram, den man im Ferienlager vom Taschengeld am Kiosk kaufte: der kleine Clownskopf, der die Zunge rausstrecken konnte, bunte Mini-Flugzeuge für die Badewanne, die Ampel für den Schlüsselring, die Gruselspinne mit Anstecknadel für 70 Pfennige, der Saugnapffrosch mit Sprungfeder.

Im Laden muss man feststellen, wie viele Spielsachen einem von den Eltern damals vorenthalten worden sind: die Puppen-Wäscheliesel vom VEB Spielzeug-Elektronik Meiningen, das große Plastesegelschiff, die Tonfiguren mit Zigaretten zum Anzünden. Der Ort, wo das alles hergestellt wurde, ist heute immer eine überraschende Information, die Betriebe waren in der DDR bis in den letzten Winkel des Landes verstreut. Der Strickpilz (was immer das sei) aus Müncheberg, der Hasen-Anhänger von der „Spielwarengenossenschaft Gotha“ und aus Dresden die „Gemüsekonservenmischung“ für den Kaufmannsladen. Wie wenig die handbemalte Plaste-Micky-Maus dem westlichen Original glich, verdeutlichte einem allerdings damals schon, dass man im falschen Teil der Welt lebte. Klobiges Ost-Lego, damit ließ man sich nicht abspeisen. Und dann diese „Geduldsspiele“ (ein widersprüchlicher Begriff), bei denen man auf einer Scheibe Murmeln in Löcher bugsieren musste. Worauf sollten die einen vorbereiten? Dass das Leben in diesem Land ein Geduldsspiel war? Jochen Schmidt

Onkel Philipps Spielzeugwerkstatt; Choriner Str. 35, Prenzlauer Berg, Di, Mi, Fr, 9.30 – 18.30; Do 11 – 20, Sa 11 – 16, www.onkel-philipp.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben