Was machen wir heute? : Beim Türken essen

Wie ein Neuberlinerdie Stadt erleben kann: im Restaurant "Defne" essen.

Anselm Neft

In „Letzte Lockerung“ schrieb Walter Serner sinngemäß: Vermeide die Elektrische, sie kostet dich zu viel Kraft. Auch 90 Jahre später ist ihm uneingeschränkt Recht zu geben.

Ein Werktag, zehn Uhr morgens in der Elektrischen. Neben mir sind junge Männer der Meinung, dass NPD-Wählen nichts bringe, solange die NPD nicht an die Regierung komme. Zwei Sitze weiter blättert ein Herr in einem älteren Focus. Titel: „Im Zweifel gegen den Mann. Ist die Gleichberechtigung noch gerecht?“ Hilfesuchend schaue ich zu den zwei Frauen neben mir. Auf den ersten Blick wirken sie ganz normal. Dann beginnen sie ein Gespräch über die jüngsten Äußerungen von Thilo Sarrazin. Der war noch nie ein besonders heller Knaller am Silvesterhimmel. Wer hätte gedacht, dass er Märtyrer würde. „Da sagt endlich mal einer die Wahrheit und schon machen ihn die Gutmenschen mundtot!“ Ich drücke den Halteknopf. Nur raus.

Zu Hause stelle ich fest, dass Walter Serner heute Folgendes ergänzen könnte: Und meide das Internet. Vor allem die Kommentare der Online-Zeitungen. Überall Beifall und Verständnis für den Rechtspopulisten: Bei den Kommentaren auf welt.de, faz.net, sueddeutsche.de.

Sarrazin fabuliert unter anderem von 15 IQ-Punkten, die osteuropäische Juden im Schnitt über den Deutschen lägen. Das meint der vermutlich nett und weiß nicht, was er da sagt. Anderes meint er weniger nett: Die Türken erobern durch Geburten das Land, 70 Prozent von ihnen lehnen unseren Rechtsstaat ab, leben aber auf dessen Kosten. Letzteres trifft bestimmt auf einige zu – ob türkische oder deutsche Unterschicht, Zeugen Jehovas oder Klaus Zumwinkel. Das soll man benennen dürfen ohne einen Rücktritt nahegelegt zu bekommen. Bloß: Wer als öffentliche Person mit solchen Klischees um sich wirft, wird schnell zum Idol von Leuten, die noch bescheuerter sind als er selbst. Vielleicht wollte der tolle Thilo das ja.

Ich jedenfalls gehe heute türkisch essen. Vielleicht geht’s da anders zu als in der Elektrischen.

- Restaurant Defne, Planufer 92c, Kreuzberg

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